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Regensburg im späten Mittelalter

In der Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde Regensburg zur "Freien Reichsstadt", die Bürger verschafften sich mehr und mehr Privilegien und Freiheitsrechte

Wirtschaftlicher Aufschwung

Die politische und kulturelle Blüte Regensburgs im 11. Jahrhundert war verursacht durch die Herren der Stadt. Ab dem 12. Jahrhundert fing daneben auch die Wirtschaft an, sich bestens zu entwickeln. Hier dominierte vor allem der Handel, der Fernhandel zumal. Die Stadt hatte das große Glück, an wichtigen Handelswegen zu liegen: Die Donau führte quer durch halb Europa bis zum Schwarzen Meer, Landwege über die Alpen ins nahegelegene Italien. Mit dem Import orientalischer Luxuswaren – Pelze aus Russland, Seide aus China, Gewürze aus Indien – stieg Regensburg in wenigen Generationen zur bedeutendsten Handelsstadt Süddeutschlands auf. Bürgerliche Groß- und Fernhändler fingen an, neben den Stadtherren und dem ansässigen Adel eine immer größere Rolle zu spielen.

Der Regensburger Dom von innen

Der Reichtum und seine Folgen

Mit dem wachsenden Wohlstand wuchs auch die Stadt, erneut wurden die Mauern zu eng. Im Westen und Osten entstanden neue Bezirke, um 1300 folgte die zweite Stadterweiterung. Nördlich, jenseits der Donau, entwickelte sich die Vorstadt Stadtamhof. Im Inneren änderte sich das Erscheinungsbild: Große, wuchtige steinerne Häuser der „steinreichen“ Kaufleute wurden gebaut, mit einem besonderen Akzent, den man aus Italien übernommen hatte: dem „Geschlechterturm“ als weithin sichtbarem Statussymbol. Und zwei Großprojekte wurden in Angriff genommen, für die Regensburg noch heute berühmt ist: im 12. Jahrhundert die Steinerne Brücke, die älteste Steinbrücke Deutschlands, und ab dem 13. Jahrhundert der neue gotische Dom. Er wurde im damals topaktuellen französischen Stil konzipiert und ist das wohl beste Beispiel dafür, dass Regensburg nun nicht mehr nur Hauptstadt war, sondern eine Weltstadt, eine „Metropole des Mittelalters“.

Freie Reichsstadt

Politisch führte dieser Wandel dazu, dass neben den Herren der Stadt zunehmend auch die Bewohner, jedenfalls deren reiche Oberschicht, die man die „Bürger“ zu nennen begann, an Macht und Einfluss gewannen. Sie gaben den Stadtherren bei Bedarf Kredite; sie nutzen die permanenten Konflikte zwischen dem Herzog, dem Bischof und dem König und Kaiser; sie verschafften sich Zug um Zug mehr und mehr Privilegien und Freiheitsrechte. Zuletzt, im Jahr 1245, erhielten sie das Recht der Selbstregierung durch Bürgermeister, Stadtrat und eigene Beamte. Regensburg wurde zur „Freien Reichstadt“. Ab jetzt war der Bischof nur noch Machthaber in seinem engen Dombezirk, der Herzog musste sich nach einer neuen Hauptstadt umsehen, und der König und Kaiser wurde bei seinen Besuchen vom Herren zum Gast.

Das Innenleben der Freien Reichsstadt

Allerdings waren in der Freien Reichsstadt längst nicht alle frei. Von schätzungsweise knapp 20.000 Bewohnern bildeten die Bürger nur eine kleine Gruppe von etwa 2.000 Personen. Sie allein waren am politischen Prozess beteiligt. Von ihnen spielte eine wirklich aktive Rolle wieder nur eine Minderheit, die die wichtigsten Ämter und Positionen besetzte: die Patrizier in einer Anzahl von 50 bis 60 Familienoberhäuptern. Im Wesentlichen waren sie identisch mit den reichen Großkaufleuten; Oligarchen regierten die Stadt. Zu erkennen ist dies bis heute am Rathaus, dessen Gestalt nicht zufällig an ein Patrizierhaus erinnert. Der Mittelstand, Handwerker und kleine Händler, organisiert in den Zünften, verfügte über wenig politische Macht und wurde auch bewusst klein gehalten. Nur toleriert von der Freien Reichsstadt wurden Zugezogene, die ein begrenztes Aufenthaltsrecht gewährt bekamen. Juristisch gänzlich außerhalb der Stadtgemeinde standen der ortsansässige Klerus, der nach wie vor dem Bischof unterstand, und Regensburgs jüdische Gemeinde, die ihre eigenen Institutionen und Rechte hatte. Mit diesen komplizierten inneren Verhältnissen ging die Stadt ihren Weg vom Mittelalter in die Neuzeit.


Quelle: Matthias Freitag, stark gekürzt nach der „Kleinen Regensburger Stadtgeschichte“ vom selben Autor.