Navigation und Service

Volkstrauertag 2016

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich des Volkstrauertages am Sonntag, 13. November 2016, um 11.45 Uhr am Ehrenmal „Unter den Linden“ im Stadtpark


Anrede, 

der Volkstrauertag ist der Tag in unserem Land, an dem wir aller Menschen gedenken, die in Krieg und Gewalt ihr Leben verloren haben. Uns geht es dabei nicht allein um die Menschen, die Opfer staatlicher Konflikte geworden sind, sondern um alle Menschen, die verfolgt wurden und werden, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere politische Einstellung, einen anderen Glauben oder eine andere sexuelle Orientierung hatten und deswegen sterben mussten.

Wir trauern um Soldaten und Zivilisten, die in vergangenen Kriegen und in den Kriegen unserer Tage ihr Leben verloren haben. Wir trauern auch darum, dass es bis heute nicht gelungen ist, den Krieg und alle kriegerische Gewalt gegen Menschen zu ächten – dass es die Menschheit noch immer nicht geleistet hat, den globalen Frieden zu schaffen.

Der Volkstrauertag hat eine fast 100-jährige Geschichte: Er wurde vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unter dem Eindruck der grauenhaften Schlachten des Ersten Weltkriegs angeregt – und im Jahr 1922 erstmals im Berliner Reichstag begangen. Der Sinn dieses Tages ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verblasst. Viele Menschen, vor allem junge Menschen, finden heute offenbar keinen Zugang mehr zu dem, was uns am Volkstrauertag bewegt.

Dieser Tag ist kein Rückblick in eine ferne Geschichte. Er erinnert nicht nur an die Millionen von Opfern des Ersten und des Zweiten Weltkriegs. An diesem Tag machen wir uns bewusst, dass der Krieg auch heute noch große Teile unserer Welt ins Verderben stürzt. 

Laut der UNO-Flüchtlingshilfe ist derzeit die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen, höher als je zuvor: 65,3 Millionen Menschen. Für mich ist das unfassbar! Unfassbar deshalb, weil in weiten Teilen der Welt Frieden herrscht – oder sich politische Spannungen zumindest nicht in Krieg und Gewalt entladen. Und dennoch fliehen derzeit mehr Menschen als je zuvor vor Kämpfen und Verfolgung.

Krieg ist also bei weitem kein gestriges Phänomen, das nur noch das Leben unserer Großeltern berührt hat. Tagtäglich werden wir in den Medien damit konfrontiert, dass einzelne Machthaber, despotische Regierungen oder fanatisierte Milizen ganze Länder und Völker ins Chaos stürzen. Leider ist es nicht so, dass die Menschheit aus den grausamen Lektionen des Ersten oder Zweiten Weltkriegs ihre Lehren gezogen hat.

Hinzu kommt, dass massenhafte Gewalt gegen Menschen nicht nur von Staaten ausgeht. Selbsternannte Warlords, angebliche Freiheitskämpfer und religiös radikalisierte Gruppierungen führen heute ihre völlig unüberschaubaren Kleinkriege.

Krieg und Gewalt haben viele Gesichter:

  • Hunger ist Gewalt.
  • Extreme wirtschaftliche Not ist Gewalt.
  • Armut ist Gewalt.
  • Auch die Zerstörung der Heimat vieler Menschen durch den Klimawandel mutet wie Gewalt an.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
in Deutschland halten wir heute Krieg vor der eigenen Haustüre oder gar im eigenen Land für völlig ausgeschlossen. 70 Jahre Frieden – das verdanken wir zum einen Teil der Europäischen Idee, zum anderen unserer demokratischen Verfassung, die eine Parlamentsarmee geschaffen hat. Und wir verdanken das auch uns selber: Kriegstreiber, Nationalisten, extreme Hassprediger aller Art haben in unserer Gesellschaft keine Chance. Und wir wissen: Gewalt kann mitten in unserer Gesellschaft anfangen und sich zu einem gefährlichen, unkontrollierbaren Monster aufblähen, wenn wir nicht alle zusammen entschlossen jeder Form von Gewalt entgegentreten.

In vielen anderen Ländern funktioniert diese Art der großen gesellschaftlichen Selbstkontrolle leider nicht: Dort werden Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Abstammung, ihrer Religion, ihrer Kultur verfolgt und ermordet. Wo solche Verfolgung am Ende hinführt, hat uns in Deutschland Hitlers Faschismus gezeigt: sechs Millionen Juden wurden während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet. Das war systematischer, industriell organisierter Massenmord. Ihm fielen auch Roma und Sinti, politische und religiöse Gegner der Nazis wie auch Homosexuelle und behinderte Menschen zum Opfer.

Das alles führt uns, wieder einmal, zu der alles entscheidenden Frage: Wie können wir den Ursachen für Krieg, Gewalt und Verfolgung entgegentreten? Die Antwort darauf ist nicht leicht zu finden. In Deutschland haben wir einen guten Weg gefunden: Wir vertrauen auf die Stärke unseres Rechtsstaats. Wir verlassen uns auf die Integrität unserer Bundeswehr, deren oberster Befehlshaber das Parlament ist. Unser Parlament achtet sehr darauf, wie und wo die Bundeswehr eingesetzt wird. Und das Parlament legt großen Wert darauf, dass die Bundeswehr auch humanitäre Einsätze wahrnimmt – so wie etwa im Kosovo, wo deutsche Soldatinnen und Soldaten maßgeblich daran beteiligt sind, dem Land und seinen Menschen auf die Beine zu helfen. Dieses Beispiel zeigt, dass militärische Einsätze zum blanken Gegenteil von Krieg und Gewalt da sein können – wenn der politische Auftrag dazu da ist.

Vor einigen Wochen unterhielt ich mich mit einem Offizier der Bundeswehr, der mittlerweile erneut im Einsatz in Afghanistan, in Kundus ist. Er hat mir erzählt, wie die Bundeswehr sich an der politischen und militärischen Stabilisierung in Afghanistan beteiligt und dass die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte den Bundeswehrsoldaten vor Ort ein großes Anliegen ist. Dabei setzen die deutschen Soldaten – ebenso wie die afghanischen – immer wieder ihr Leben aufs Spiel, weil sie helfen und die Zukunft in der Region positiv gestalten wollen. Das gibt mir die Hoffnung, dass auch die schweren Krisen der Welt zu bewältigen sind.

Im Übrigen gehen diese Krisen uns alle an. Als die Zahl der Menschen, die in Deutschland Zuflucht vor Krieg und Vertreibung gesucht haben, immer größer wurde, da fragten die Regensburgerinnen und Regensburger nicht lange. Sie haben angepackt und geholfen: Sie haben Kleidung gespendet und Essen ausgegeben. Sie haben Deutschkurse organisiert und Kinder betreut. Bis heute geben viele Menschen ihre freie Zeit dran, um Flüchtlingen zu helfen, bei uns Fuß zu fassen. Und sie helfen ihnen auch, ihre zum Teil schwere Traumatisierung zu bewältigen.

Das ist die beste Art, den zu uns geflohenen Menschen zu begegnen: nicht mit Ablehnung, Skepsis oder Gleichgültigkeit, sondern mit Mitgefühl, Toleranz und Menschlichkeit. Das macht mich sehr stolz auf die Menschen in unserer Stadt. Viele Menschen, die vor Krieg und Gewalt, vor Hunger und Elend geflohen sind, haben den langen Weg nach Europa nicht geschafft. Sie wurden getötet, sie sind verhungert oder im Mittelmeer ertrunken.

Auch diese Menschen möchte ich heute in unsere Gedanken einschließen. Auch um sie trauern wir. Auch sie sind Opfer von Krieg und Gewalt. So denken wir heute an alle Opfer von Krieg und Gewalt. Wir gedenken der toten Soldaten und Zivilisten. Wir gedenken der Menschen, die auf der Flucht ihr Leben verloren haben. Wir denken an all jene, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk, einer anderen Rasse, einem anderen Glauben, einer anderen Kultur, einer Minderheit oder einer anderen Überzeugung angehörten. Wir erinnern an die Menschen, die im Widerstand gegen Gewaltherrschaft ihr Leben verloren haben. Wir gedenken der Menschen, die staatlichen Gewalten zum Opfer fielen, weil sie krank oder behindert waren. Und wir gedenken auch all der Menschen, die Schutz vor Krieg und Gewalt gesucht haben und Opfer von Fremdenhass geworden sind.

Unsere Botschaft ist einfach und klar: Nie wieder Gewalt, nie wieder Krieg! Wir machen uns stark für den Frieden und für ein friedliches Zusammenleben!