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Buchvorstellung "KZ überlebt" von Stefan Hanke

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich der Buchpräsentation von Stefan Hankes Werk: KZ Überlebt am Donnerstag, 21. April 2016 um 12 Uhr im Document Neupfarrplatz

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Anrede 

Liebe Regensburgerinnen und Regensburger,
sehr verehrte Ehrengäste,
sehr verehrter Herr Hanke.

Ich freue mich über Ihr Kommen und begrüße Sie alle sehr herzlich zur Präsentation des Buches „KZ Überlebt“ von Stefan Hanke.

KZ Überlebt – in diesem relativ kurz, aber prägnant gewählten Titel des Bildbandes von Stefan Hanke vereinen sich zwei Begriffe, die wie keine anderen für die Schreckenszeit während der Herrschaft der Nationalsozialisten stehen. Hier wird der unaussprechliche Horror der Konzentrationslager, diesen perfiden und unmenschlichen Massenvernichtungsanlagen, dem vermeintlichen Glück derjenigen gegenübergestellt, die diesen Wahnsinn überlebten. 

„KZ Überlebt“ ist mehr als ein Bildband. In sieben Ländern Europas hat Stefan Hanke 121 Überlebende des Holocausts in mehrjähriger Arbeit porträtiert. In Zusammenarbeit mit den fotografierten Überlebenden dieses Terrors hat Stefan Hanke weit mehr geschaffen, als nur Bilder für die Gegenwart und die Zukunft festzuhalten. Vielmehr hat er die Porträts an Orten und Umgebungen angefertigt, die eine Brücke zwischen den jeweiligen Personen und ihrer eigenen Geschichte während des Zweiten Weltkrieges schlagen oder eine sehr große Rolle für die abgelichteten Überlebenden in ihrem Leben spielten. So hat sich beispielsweise Barbara Puc auf einem gemauerten Verbindungskamin einer Baracke in Auschwitz-Birkenau ablichten lassen, der genau dem Kamin ähnelt, auf dem ihre Mutter sie 1944 im Konzentrationslager zur Welt brachte.

Es gibt Menschen in Europa, in Deutschland und auch in dieser Stadt, die der Meinung sind, Gedenken sei etwas, das nicht mehr in die heutige Zeit passt. Diese Leute argumentieren damit, dass diese Ereignisse ja bereits 70 Jahre zurückliegen, so etwas heute nicht mehr möglich sei oder man selber ja schließlich nichts für die Geschichte könne…

Dazu lassen Sie mich bitte eines sagen.

Selbstverständlich können nachfolgende Generationen nicht dafür haftbar gemacht werden, was passiert ist und darum geht es auch nicht. Aber wir alle hier und jetzt und auch alle zukünftigen Generationen haben die Pflicht, dafür zur sorgen, dass so etwas niemals wieder passiert. Heute, morgen und auch in 100 Jahren. Diese Aufgabe wird nie endgültig erledigt sein.

Wenn man sich die neuesten Zahlen des Bundeskriminalamts ansieht, die extrem angestiegene Häufungen von Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte, das Erstarken der Rechten in Europa, Parteiprogramme und Forderungen gewisser politischer Akteure, dann können wir nur zu dem Schluss gelangen, dass wir uns dieser wichtigen Aufgabe bis heute nicht mit dem nötigen Engagement gewidmet haben. Denn hier wird mit Pauschalaussagen, Vorurteilen und Ängsten Stimmungsmache betrieben, die nur deswegen auf fruchtbaren Boden fallen, weil wir es bis heute nicht geschafft haben, Teile unserer Gesellschaft für unsere eigene Vergangenheit ausreichend zu sensibilisieren.

Auch wenn die heutige Generation und natürlich auch folgende nicht für das Leid und den Schrecken der Nationalsozialisten verantwortlich gemacht werden können, so müssen wir Ihnen und auch uns selber dennoch permanent vor Augen halten, was passieren kann, wenn man sich für eben jene Pauschalaussagen, Vorurteile und Ängste empfänglich zeigt.

Schon einmal versagte die Gesellschaft dieses Landes. Sie wehrte sich nicht nachhaltig genug gegen diese Propaganda und wir alle hier wissen worin das endete. 

Gedenken, meine sehr verehrten Damen und Herren, Gedenken und Erinnern – das bedeutet an die Opfer dieses menschenfeindlichen und totalitären Systems zu erinnern. Es bedeutet sich der Tragweite dieser Vernichtungsmaschinerie bewusst zu werden und es bedeutet eine konsequente Auseinandersetzung mit den Tätern.

Genauso hat Gedenken und Erinnern eine präventive Aufgabe. Nämlich, wie bereits gesagt, zu verhindern, dass so etwas jemals wieder möglich wird. Daher muss es unsere Pflicht, ja unser Selbstverständnis sein, immer zu jedem Zeitpunkt und zu jedem Ort gegen die rechte, braune Bedrohung vorzugehen. Die Geschichte darf sich nicht wiederholen.

Diese Aufgabe können wir aber nur gemeinsam schaffen

  • indem wir an Gedenkveranstaltungen teilnehmen um zu zeigen: „Wir haben nicht vergessen!“
  • indem wir an Demonstrationen teilnehmen, wann auch immer der braune Mob versucht hier Fuß zu fassen.

Wir müssen zeigen:

„Hier ist kein Platz für euch und euren Hass!“

  • indem wir uns engagieren und zeigen:
    „Wir haben aus unserer Geschichte gelernt und wir tragen unseren Teil bei, dass diese sich niemals wiederholen wird!“

Stefan Hankes Buch „KZ Überlebt“ ist ein gelungenes Beispiel für den Kampf gegen das Vergessen und aufgrund der gelungenen Verknüpfung der Personen und der Geschichte gleichzeitig eine Mahnung an uns alle.

Auf Hankes Fotografien alleine lässt sich nicht erkennen, ob es sich bei den Personen um Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gegner des Regimes oder andere durch die Nazis verfolgte Gruppen handelt. Denn bei all diesen und den unzähligen anderen Opfern und Verfolgten dieses Terrors, bleibt bei aller Verschiedenheit, sei es der Glaube, die Ethnie, körperliche und geistige Einschränkungen oder die Tatsache anders zu denken, als es das Regime vorgab, letztlich nur eine Gemeinsamkeit. Sie alle waren und sind Menschen, so wie wir.

Ich möchte mich bei Herrn Stefan Hanke für sein außerordentliches Engagement bedanken.

Genauso möchte ich es aber nicht versäumen auch den vielen Regensburger Bürgerinnen und Bürgern, sowie den vielen Initiativen unserer Stadt für ihren jahrelangen Kampf gegen das Vergessen und für das Gedenken und das Erinnern danken.

Vielen herzlichen Dank!

Lassen Sie mich mit einem etwas abgewandelten Zitat unseres verstorbenen ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt schließen:

„Wir wollen mehr Menschlichkeit wagen!“

Denn genau diese Menschlichkeit ist das Fundament, auf dem unser liberales Miteinander, die Möglichkeit, frei zu denken, unsere Demokratie und Werte, ja unsere gesamte Freiheit aufgebaut ist. Lassen wir nicht zu, dass dieses Fundament durch Hass, Angst und pauschale Vorurteile Schaden nimmt.

Vielen herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!