Navigation und Service

10 Jahre Welterbe

- Es gilt das gesprochene Wort - 

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich des Festaktes zum Jubiläum „10 Jahre Welterbe“ am Sonntag, 5. Juni 2016, um 14.00 Uhr im historischen Reichssaal.

Anrede, 

vor kurzem hatte ich einen schlimmen Traum. Aus welchen Gründen auch immer wurden die rechtlichen Grundlagen für den Einsatzort von Oberbürgermeistern in Städten über 100.000 Einwohnern geändert.

Mit sofortiger Wirkung.

Die neue Regelung besagte, dass sich in einem Rotationssystem jeder gewählte OB nur im ersten Jahr seiner Amtszeit um seine Heimatstadt kümmern darf. Danach wechselt er zu anderen Städten in Bayern und übernimmt dort die Geschäfte. Als Hintergrund wurden Innovationsbereitschaft und Neutralität genannt.

Meine Damen und Herren, verstehen Sie mich nicht falsch: Ich schätze meine Amtskollegen über alle Maßen und Träume sind selten durchweg in sich logisch – Aber: Allein die Aussicht, für mehrere Jahre aus Regensburg weggehen zu müssen, war für mich in diesem Moment eine ganz schreckliche Vorstellung. Denn Regensburg ist für mich nicht nur mein Arbeitsplatz und mein Arbeitsinhalt, Regensburg ist meine Heimat, mein Herzensort.

Den Charakter und die Atmosphäre unserer Stadt prägen meinem Empfinden nach sehr viele Aspekte:
Die geborgene Lage an der Donau, die Überschaubarkeit der Altstadt, das Freizeitangebot, die hervorragende wirtschaftliche Situation, die Menschen, die die Stadt erst zum Leben erwecken…all das und noch viel mehr ist Regensburg.
Vor allem aber ist Regensburg eines: Einzigartig.

Deswegen liebe ich diese Stadt. 
Deswegen kommen die Gäste hierher.
Deswegen leben die Menschen so gerne in der Stadt.
Deswegen – und das muss man sich wirklich bewusst machen – wurde Regensburg vor 10 Jahren der Welterbetitel verliehen.

Sie alle wissen, welche baulichen Ikonen der Menschheitsgeschichte auf dieser Liste stehen: Die Pyramiden von Gizeh, zum Beispiel, die Akropolis in Athen und das Kolosseum in Rom – unter anderem.

In diese illustre Reihe fügt sich Regensburg ein.

Das bedeutet auch:
Es gibt keine andere, keine zweite Stadt auf der ganzen Welt, ja, auf dem ganzen Planeten, die so ist wie Regensburg. Die Auszeichnung mit dem Welterbetitel macht also jenes Bauchgefühl, jene Verbundenheit und eben dieses Angekommensein konkret und greifbar, das ich selbst ganz persönlich spüre bin und das den Zauber unserer Stadt ausmacht.

Manchmal habe ich ja das Glück, an einem frühen Samstagmorgen durch die Altstadt schlendern zu können. Vor allem im Sommer ist dies eine ganz besondere Zeit: Langsames Erwachen auf der einen, langsam ans Schlafen denken auf der anderen Seite. Einige Nachtschwärmer organisieren sich noch ein Frühstück, während am Bismarckplatz und am Alten Kornmarkt schon die Marktstände für die Wochenendeinkäufer bestückt werden.
Diese Eindrücke sind manchmal so sehr wie Urlaub in südlichen Gefilden, dass es fast unwirklich wird. Perfekt wird die Illusion dann, wenn – wie etwa in der Welterbestadt Dubrovnik oder in Rom – die Mauersegler schreiend durch die Gassen schießen und der Blick am Goldenen oder am Baumburger Turm und den vielgesichtigen Kirchtürmen hängenbleibt.
Das toskanische Pitigliano lässt grüßen.

In diesen Momenten versteht man, wie die Regensburger Geschichte als reiche mittelalterliche Handelsstadt nicht nur ein Kriterium für den Welterbetitel war, sondern bis in die Gegenwart nachwirkt.

Ich denke zum Beispiel an die Regensburger Kaufmannsfamilie Runtinger, die Seite an Seite mit den Augsburger Kaufleuten aus dem Hause Fugger in der deutschen Handelsniederlassung Fondaco de Tedeschi in Venedig lebten und arbeiteten oder an die Donau als Handelsroute auf der neben den Gütern auch Ideen, Neuigkeiten und Nachrichten aus Brügge oder Warschau kamen.

Der Handel und die Wirtschaft - das weiß ich aus erster Hand - blühen jedenfalls in Regensburg noch immer. Heute Vormittag zum Beispiel durfte ich mit den Autobauern von BMW deren 30. Jahr am Standort Regensburg feiern.
Einmal Regensburg, immer Regensburg, das gilt eben auch für viele Firmen…

Apropos: Dass es in Regensburg zuweilen landeshauptstadtmäßig international zugeht hat verschiedene Gründe. Zum einen haben sich viele international tätige Firmen hier angesiedelt: Osram, Infineon, die Maschinenfabrik Reinhausen, BMW oder Continental, um nur einige zu nennen. Zum anderen ist Regensburg durch die Universität und die Ostbayerische Technische Hochschule eine Studentenstadt im besten Sinn: interkulturell, jung, lebendig, weltoffen. Studierende aus aller Welt bringen sich hier in der Stadtgesellschaft ein und bereichern dadurch auch die kulturelle Szene und die kreative Landschaft unserer Stadt.

Manchmal würde ich mir für die Altstadt noch mehr Buntes, Ausgefallenes und Schräges – etwa aus dem Bereich Kunst, Musik oder Performances wünschen. Ideen dazu sind herzlich willkommen!

Kultur und Internationalität – das bringt mich zurück zu meinem Samstagmorgen.

Spätestens um 10 Uhr, nach einem Kaffee in der Unteren Bachgasse, kommen mir dann regenschirmschwenkende Damen oder Herren entgegen, hinter sich eine Gruppe von Gästen, die sich gar nicht sattsehen können an den alten Gebäuden und ehrwürdigen Gemäuern. Touristen aus aller Welt sind begeistert von unserer Stadt. Sie vergessen Ort, Zeit und Raum, weil sie im Anblick des Doms oder des Goliathhauses versunken sind und bestaunen Details an denen der verwöhnte Einheimische einfach vorbeigeht.

Ich frage Sie: Ist das nicht wunderbar?

Diese Besucherinnen und Besucher kommen zu uns, weil wir etwas haben, das sie unbedingt mit eigenen Augen sehen und erleben möchten, mehr darüber erfahren möchten, auf das sie so viel Lust und Neugier entwickeln, dass sie eine Reise in unsere Stadt planen.
Ich finde das grandios.
Noch dazu wenn man sich überlegt, dass diese Gäste oft aus Ländern kommen, die selbst nicht arm an kulturellen Schätzen sind, wie zum Beispiel Italien oder Frankreich. Vielleicht mögen diese Gästegruppen Regensburg einfach deswegen, weil es sie an die eigene Heimat erinnert. Was für ein Kompliment.

Zum Thema Heimat fällt übrigens in der bayerischen Kultserie „Irgendwie und Sowieso“ irgendwann einmal der Satz „Dahoam is do, wo´s Gfui is“, übersetzt in etwa „Heimat ist da, wo das Herz wohnt“ – ich weiß auf Hochdeutsch klingt es nicht ganz so charmant, trifft aber den Sinn.

Aber so eine Heimat ist Regensburg bereits für viele Menschen: Bürgerinnen und Bürger, Zugezogene oder Zurückgekommene.

Es gibt natürlich noch die Wahlregensburger und jene eine Gruppe, die bei uns ist, weil deren Heimat seit Jahren von Krieg, Hass, Gewalt und Tod beherrscht wird und die bei uns nicht Sehenswürdigkeiten sondern Schutz, nicht Erlebnis sondern pure Existenz, nicht Vergnügen sondern eine Zukunftsperspektive suchen. Auch diesen Menschen soll Regensburg eines Tages eine Heimat werden. Sie sind hier willkommen und ich bin davon überzeugt: Beide Seiten profitieren immens, wenn sich Kulturen austauschen und annähern.

Die Fremdheit schwindet, Vertrauen entsteht.

Übrigens der Grundgedanke der Welterbeidee:
Ein gemeinsames Erbe der Menschheit soll das Verständnis der unterschiedlichen Kulturen füreinander fördern und dabei helfen, Brücken zu bauen.

Welterbe steht über aller Ideologie, über jeglichem Fanatismus und ist universell.

Der sogenannte „Außergewöhnliche universelle Wert“, den jede Welterbestätte vorzuweisen hat, eint hier die UNESCO Welterbestätten „Altstadt Regensburg mit Stadtamhof“ und die antike syrische Oasenstadt Palmyra, die Buddha-Statuen von Bamyian in Afghanistan und das römische Aquädukt Pont du Gard in Frankreich.

Welterbe kann starke Zeichen setzen. So wird in Syrien die zerstörte antike Stätte von Palmyra wieder aufgebaut werden - als Zeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Als Symbol dafür, dass das kulturelle Erbe einer Region immer auch Verantwortung mit sich bringt: Für die Bewahrung der Vergangenheit, für die Weiterentwicklung in der Gegenwart und für die Offenheit gegenüber Neuem in der Zukunft.

Dies gilt nicht nur für Länder wie Syrien oder Afghanistan. Die Sicherung der Zukunftsfähigkeit und der Umgang mit den globalen Herausforderungen wie Migration, Klimawandel, Bevölkerungswachstum und erhöhtes Verkehrsaufkommen beschäftigen die gesamte Gemeinschaft der Welterbestätten. Auch Regensburg.

Nur sind wir glücklicherweise mit den nötigen Ressourcen ausgestattet, die es uns erlauben, hier die notwendigen Schritte zu unternehmen.
Oder lassen Sie es mich anders formulieren: Die Baustellen in der Altstadt, auch jene, die vielleicht optisch nicht ganz so attraktiv sind, sie sind ein gutes Zeichen!

  • Wir machen unsere Stadt fit für die Zukunft.
  • Wir machen die Stadt grüner und beugen so unter anderem der Überhitzung der Innenstadt vor.
  • Wir steigern die Lebensqualität und Zugänglichkeit.

Und das Wichtigste: Wir erhalten die Lebendigkeit der Altstadt.

Ich kann mich noch gut an die ersten Reaktionen auf die Verleihung des Welterbetitels vor 10 Jahren erinnern: Damals geisterten diffuse Ängste vor einer musealen Konservierung der Altstadt und vor einem allzu strengen Regiment des Denkmalschutzes durch die Stadtgesellschaft. Davon sind wir heute meilenweit entfernt, aus dem einfachen Grund, weil wir uns bemühen, die verschiedenen Funktionen der Altstadt neben- und miteinander in gleichberechtigter Form zu erhalten. Das erfordert viel Vermittlung, Dialog und sicherlich auch Kompromisse und gegenseitige Rücksichtnahme.

Konkret bedeutet dies zum Beispiel: Wohnen in der Altstadt von Regensburg kann traumhaft sein. Ausgehen und Feiern in der Altstadt von Regensburg macht aber auch richtig Spaß. Dass die einen feiern und die anderen schlafen können – das gelingt nur mit Rücksicht, Einsicht und Verständnis.

Ich habe den Eindruck, dass sich selbst widerstrebende Interessen heute leichter ausgleichen lassen, denn die Regensburgerinnen und Regensburger identifizieren sich mit „ihrem“ Welterbe. Fast jeder hat eine persönliche Beziehung zum Welterbe, kann eine individuelle Geschichte dazu erzählen oder über seine oder ihre Lieblingsecken schwärmen.

Was für eine Entwicklung! Und was für eine wunderbare Belohnung für zehn Jahre intensive Arbeit am, mit und im Welterbe Regensburg.

Die gesamte Stadtgesellschaft inklusive der Verwaltung, der Welterbekoordination und der politischen Ebene hat in dieser Sache stets an einem Strang gezogen, um diesen Stand 10 Jahre nach der Ernennung erreicht haben zu können.

Und wenn ich dann mitbekomme, dass einem Studenten, dem offensichtlich nach einer langen Partynacht noch ein Euro für die heißersehnte Bratwurstsemmel mit Senf fehlt, ebenjene mit einem rudimentär-wohlwollenden „Basst scho“ vom Verkäufer in die Hand gedrückt wird, dann weiß ich ganz genau, was Regensburg zu meinem persönlichen Herzensort macht.

Es sind die kleinen Dinge:

  • Der erste Espresso im Freien Anfang März noch unter wärmender Fleece-decke.
  • Bei Sonnenuntergang im Sommer noch auf den Donauinseln sitzen.
  • Der Geruch vom Kopfsteinpflaster nach einem Schauer im Sommer.
  • Die Domtürme nach einem Urlaub schon aus der Ferne wiederzusehen.

Und natürlich: Die Menschen. Die Begegnungen mit ganz verschiedenen, spannenden und interessanten Menschen.

In diesem Sinn, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste, möchte ich auch zum Ende kommen.

Ich habe folgendes bereits gestern bei der Eröffnung des Welterbewochenendes gesagt: Die Stadt Regensburg hat vor zehn Jahren mit dem Welterbetitel ein Geschenk erhalten.
Ein unbezahlbares Geschenk, auf das die Regensburgerinnen und Regensburger sehr stolz sind, sein können und dürfen.

Und ich, als Oberbürgermeister dieser Stadt, bin sehr stolz darauf, mit all meiner Kraft und Energie dazu beitragen zu dürfen, dass wir diesen Titel auch in Zukunft mit Leben füllen, ihn wahren und entwickeln können.

Ich wünsche Ihnen und uns allen heute noch gute und interessante Gespräche und bleibende Eindrücke. Und ich habe mir fest vorgenommen in Zukunft nur noch von einem zu träumen – und das ist im Vertrauen gesagt auch gar nicht unrealistisch - Von einem zweiten Welterbetitel für Regensburg.

Vielen Dank