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Volkstrauertag am 15. November 2015

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich des Volkstrauertages am Sonntag, 15. November 2015, um 11.45 Uhr am Ehrenmal „Unter den Linden“ im Stadtpark 

Anrede

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, 

mit Ihrer Teilnahme an dieser zentralen Veranstaltung zum diesjährigen Volkstrauertag in Regensburg zeigen Sie, dass Sie sich der schweren Vergangenheit unseres Landes stellen, und dass Sie sich für eine gute Gegenwart und eine gute Zukunft stark machen. Es ist uns ein Anliegen, der Menschen aller Nationen zu gedenken, die durch Kriege, Gewalt, Verfolgung und Flucht ihr Leben verloren haben. Indem wir unsere Trauer öffentlich bekunden, sind wir in unseren Gedanken auch bei den Menschen, die im nationalsozialistischen Unrechtsstaat wegen ihrer Abstammung, wegen ihrer Gesinnung und wegen ihrer Religion ermordet worden sind. In unser Gedenken schließen wir auch alle ein, die gegenwärtig unter Krieg und Verfolgung zu leiden haben. Und wir machen heute deutlich, dass unsere großen Anliegen die Sicherung des Friedens und das Schaffen von Frieden sind.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
das Gedenken an die Toten von damals und der Einsatz für den Frieden heute sind in unserer Gesellschaft nicht selbstverständlich. Die Erinnerung an Millionen von Gefallenen, Ermordeten und Verhungerten wird in unserem kollektiven Gedächtnis immer blasser. Und auch in unseren Familien schwindet die Erinnerung - nicht nur wegen des immer größer werdenden zeitlichen Abstands. Wer nur Frieden und ein sicheres Leben erfahren hat, kann sich nur schwer vorstellen, was es heißt, unmittelbar von Gewehrkugeln und Bomben bedroht zu sein. Wir tun uns schwer damit zu ermessen, was es bedeutet, unzählige Tage und Nächte lang um einen lieben Menschen zu bangen, der sich im Krieg befindet. Krieg in all seiner Grausamkeit – was das wirklich heißt, wissen immer weniger Bürgerinnen und Bürger aus eigener Erfahrung.

Die Schrecken des Krieges, die Erfahrung von Gewaltherrschaft und das Leid durch Flucht und Vertreibung sind in den Nachkriegs-Generationen unseres Landes nicht mehr unmittelbar präsent. Vergessen haben auch die meisten von uns, dass das Erleben des Krieges auch diejenigen zerrüttet hat, die dem Inferno entkommen sind. Sie waren traumatisiert für den Rest ihres Lebens. Das betraf auch die Kriegskinder, die seelische Schäden davongetragen haben. Sie alle haben sich anfangs sehr schwer damit getan, Vertrauen in eine friedlich gewordene Welt zu fassen.

Ängste vor unmittelbarer Bedrohung sind eine Urerfahrung, die man nicht so schnell oder auch gar nicht mehr loswird. Deswegen wollen wir heute daran erinnern, dass Frieden die unabdingbare Voraussetzung für ein Leben in Würde ist. Wir machen uns aufs Neue bewusst, was für ein großartiges Geschenk es ist, in Zeiten des Friedens und des Wohlstands leben zu können. Was uns heute als selbstverständlich erscheint, gehört in Wirklichkeit zum Kostbarsten, das wir erleben können. Das dürfen wir nie vergessen.

Seit 70 Jahren herrscht in Mitteleuropa Frieden. Diese sieben Jahrzehnte haben gerade uns Deutschen einen vorher nicht gekannten Wohlstand und ein Leben in Sicherheit beschert. Viele sind heute mit ihrer Kritik an der Europäischen Union schnell bei der Hand – aber vergessen wir nicht: Die EU garantiert uns neben vielen materiellen und ideellen Vorteilen, dass Kriege zwischen den Mitgliedsstaaten der Vergangenheit angehören. Was innerhalb der EU glücklicherweise undenkbar geworden ist, gehört aber in anderen Teilen der Welt noch immer zum bitteren Alltag: Der Krieg ist noch längst nicht verschwunden, er greift wieder massiv nach unschuldigen Menschen. Er wütet noch immer. Unbarmherzig und sinnlos. Menschen töten und werden getötet. Menschen erleiden fürchterliche Verletzungen an Körper und Seele. Menschen fürchten jeden Tag um ihr Leben. Und das nur ein paar Flugstunden entfernt von uns. 

Die Folgen dieser Kriege erleben wir nun in Europa, und ganz besonders hier in Deutschland, jeden Tag. Lange gab es die fürchterlichen Kriege im Mittleren Osten und in Afrika für uns nur in den Fernsehnachrichten und in Zeitungsreportagen. Diese Kriege waren weit weg – und ihre Opfer zunächst auch. Das hat sich nun geändert. Unter den Kriegen der Gegenwart haben ganz besonders die Zivilisten zu leiden. Die Opfer von Krieg, Gewalt und Verfolgung, von Hass, religiösem Wahn und menschlichem Irrsinn fliehen nun zu uns.

Seitdem Millionen Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten in Kleinasien und in Afrika auf der Flucht sind, werden nun auch wir wieder mit aller Härte daran erinnert, was Krieg überhaupt bedeutet. Krieg führt zu absurden Folgen: Menschen setzen sogar ihr Leben aufs Spiel, um dem Krieg zu entkommen. In ihrer Not vertrauen sie sich dubiosen Schlepperbanden an, sie besteigen marode Seelenverkäufer, sie nehmen wochenlange Fußmärsche in Kauf, um endlich in Sicherheit leben zu können. Abertausende von ihnen haben ihren Traum vom sicheren Leben mit dem Tod bezahlt – ertrunken im Mittelmeer, erstickt in einem Kühllaster, manchmal qualvoll verhungert und verdurstet. Und nun bitten uns die Menschen, die es zu uns geschafft haben, um Asyl. Sie bitten um eine Lebensperspektive, die ihnen die überfüllten Flüchtlingslager im Libanon, in Jordanien oder der Türkei nicht bieten können. In dieser aktuellen Situation hat der Volkstrauertag eine neue Dimension erhalten, die wir alle wie mit Händen greifen können.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
der Volkstrauertag ist kein sinnentleertes Ritual. Eine Gesellschaft benötigt für ihren Zusammenhalt solche Anlässe des gemeinsamen Nachdenkens und des Erinnerns. Erst jetzt, da das Leid der Welt zu uns kommt, erinnern wir uns wieder daran, dass auch in unseren Familien Väter und Mütter, Großväter und Großmütter, Urgroßväter und Urgroßmütter in den Weltkriegen getötet oder verletzt wurden oder vertrieben wurden – dass das Grauen des Kriegs sie für immer gezeichnet hat, und dass viele von ihnen einst das waren, was heute viele Iraker, Afghanen, Syrer, Kurden, Eritreer oder Somalis sind: Flüchtlinge. Deswegen verstehen wir diese Gedenkstunde auch als ein starkes Bekenntnis gegen die Kriege unserer Tage. Der Volkstrauertag ist heute mehr denn je eine Demonstration gegen Krieg und für den Frieden.

Meine Damen und Herren,
auch heute noch gibt es viel zu viele politische Machthaber, die ihr Volk missbrauchen, um ihren Machtwahn mit Waffengewalt durchzusetzen. Der miese Trick ist immer der gleiche. Man hetzt die Völker gegeneinander auf, versucht ihnen einzureden, sie seien von äußeren Feinden bedroht - und man zwingt sie, ihr Leben für eine Sache zu opfern, die nicht die ihre ist.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet der Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke, der in Deutschland auf den Beginn des Ersten Weltkriegs gedrängt hatte, seine Erfahrungen einmal so zusammengefasst hat: "Jeder Krieg, auch der siegreiche, ist ein Unglück." Und der von den Nazis verfolgte Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky hat in seiner Verteidigung vor Gericht gesagt: "Wir Anhänger des Friedens müssen immer wieder darauf hinweisen, dass der Krieg nichts Heroisches bedeutet, sondern dass er nur Schrecken und Verzweiflung über die Menschen bringt."

Meine Damen und Herren,
ich persönlich wünsche mir nichts mehr als dass unsere Welt friedlich wäre, so wunderbar friedlich, dass wir keine Armeen mehr bräuchten – nicht bei uns und nirgends auf der Welt. Aber unsere Welt war und ist leider nicht so. Zum Schutz unserer Freiheit und auch zur Sicherung des Friedens brauchen wir militärische Stärke. Mit dem Appell an Vernunft und Humanität sind Aggressoren nicht zu stoppen.

Ich bin sehr, sehr froh darüber, dass unsere Bundeswehr klar demokratisch legitimiert ist - mit einem grundsätzlich defensiven Auftrag. Unsere oberste Volksvertretung, der Deutsche Bundestag, entscheidet über die wichtigsten Einsätze der Bundeswehr. So kann man sagen, dass unsere Soldaten wirklich dem Volk dienen. Unsere Soldatinnen und Soldaten haben unseren Respekt und unseren Dank verdient. Viele von ihnen haben in Einsätzen, die der Wiederherstellung von Frieden und dem Schutz von Zivilisten dienen sollten, ihr Leben verloren.  

Der Volkstrauertag erinnert uns daran, dass Frieden eben nicht selbstverständlich ist. Wir müssen immer wieder um ihn ringen und ihn beschützen. Auch dadurch, dass wir Menschen Hilfe, Schutz und Unterkunft gewähren, die durch die furchtbare Gewalt des Krieges ihre Häuser, ihre Existenz, ihre Heimat verloren haben.

Laut mahnen uns die Toten der vergangenen und der gegenwärtigen Kriege, den irren Teufelskreis der Gewalt endlich zu durchbrechen. Wir müssen unseren Kindern den unermesslichen Wert des Friedens vermitteln. Und wir können nur hoffen, dass sie bei dem Versuch, den Frieden zu vermehren, einmal mehr Erfolg haben als unsere Generation. 

So denken wir heute an alle Opfer von Krieg und Gewalt. Wir gedenken der toten Soldaten. Wir gedenken der Menschen, die auf der Flucht ihr Leben verloren. Wir denken an all jene, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk, einer anderen Rasse, einem anderen Glauben, einer anderen Kultur, einer Minderheit oder einer anderen Überzeugung angehörten. Wir erinnern an die Menschen, die im Widerstand gegen Gewaltherrschaft ihr Leben verloren haben. Wir gedenken der Menschen, die staatlicher Gewalt zum Opfer fielen, weil sie krank oder behindert waren. Und wir gedenken auch all der Menschen, die Schutz vor Krieg und Gewalt gesucht haben und Opfer von Fremdenhass geworden sind.

Unsere Botschaft ist einfach und klar:
Nie wieder Gewalt, nie wieder Krieg!

Wir machen uns stark für den Frieden und für ein friedliches Zusammenleben!