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Gedenkweg zum 23. April 1945

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich des Gedenkwegs zum 23. April 1945 – Beginn des Todesmarsches aus der KZ-Außenstelle Colosseum und Bürgerforderung nach gewaltfreier Übergabe der Stadt Regensburg. Colosseum, Stadtamhof, 23. April 2015, 18 Uhr

Anrede,

in den 70 Jahren seit dem Ende des Naziregimes und der Beendigung des Zweiten Weltkriegs mit seinem unfassbaren Ausmaß an Leid und Opfern haben in unserem Land die Bürgerinnen und Bürger, die Politik und viele Organisationen immer wieder im Kleinen und Großen an einer gebührenden Art des Gedenkens an diese dunkelste Zeit unserer Geschichte gearbeitet.

Das Ringen um den besten Weg war in manchen Fällen von weltanschaulichen Vorbehalten und Ablehnung geprägt. Dabei ging es selten um die Frage, ob ein Gedenken sinnvoll ist – es ging oft darum, wer mit wem zusammenarbeiten wollte und wer mit wem nicht.

So kam es zu der Situation, dass sich politischer Streit in das Gedenken an die Nazi-Opfer mischte. Das haben viele Bürgerinnen und Bürger nicht verstanden – zu Recht, wie ich finde. Ich bin der Meinung, dass solche kleinkarierten Zänkereien endlich überwunden werden müssen – auch bei uns in Regensburg.

Gedenkkultur ist nur dann wahrhaftig, wenn sie frei sei kann von allen Versuchen politischer Beeinflussung, und seien sie auch noch so gut gemeint. Das Gedenken an die Opfer des Naziregimes muss über der Politik stehen.
Denn schließlich geht dieses Gedenken doch uns alle an, ganz persönlich und unabhängig davon, wo wir politisch stehen.
Das Gedenken an die Opfer des braunen Terrors betrifft unsere gesamte Stadtgesellschaft.

Aus diesem Grund hat der Regensburger Stadtrat beschlossen, eine Koordinationsstelle für NS-Erinnerungskultur und Gedenkkultur zu schaffen. Und außerdem bin ich sehr froh darüber, dass wir seit eineinhalb Jahren eine sehr wertvolle Einrichtung haben, die uns dabei hilft, eine neue, angemessene Art des Gedenkens zu finden.

Seit November 2013 moderieren die Volkshochschule Regensburg und das Evangelische Bildungswerk den Runden Tisch NS-Gedenkkultur. Seither haben sich die Mitglieder dieses Runden Tisches fünf Mal getroffen - und ein sehr wesentliches Ergebnis ist diese heutige Gedenkveranstaltung.

Erstmals wird in Regensburg an den 23. April 1945 nicht in zwei getrennten Veranstaltungen erinnert, sondern in einer gemeinsamen. Das ist, wie ich finde, ein entscheidender Schritt hinein in unsere neue Regensburger Gedenkkultur.

Ich danke im Namen der Stadt Regensburg herzlich der katholischen und der evangelischen Kirche, der Jüdischen Gemeinde, den Zeugen Jehovas, dem Deutschen Gewerkschaftsbund, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, dem Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten wie auch einer ganzen Reihe weiterer Institutionen und tatkräftiger Unterstützer dafür, dass sie sehr engagiert zu dieser heutigen gemeinsamen Veranstaltung beigetragen haben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Stadt Regensburg ist vorgehalten worden, dass für die Inschrift des städtischen Gedenksteins, der hier vor dem Colosseum eingelassen ist, nicht die richtigen Worte gefunden worden seien. Wir haben uns diese Vorhaltungen zu Herzen genommen – und ich kann Ihnen heute sagen, dass die Stadt an einem neuen Gedenkstein arbeitet.

Bei der Formulierung der Inschrift wird uns die Leitung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg unterstützen. Und dank der Bereitschaft des Hauseigentümers kann die Inschrift an der Fassade des Colosseums angebracht werden. Dafür sage ich meinen ganz herzlichen Dank.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, der 23. April 1945 war der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers in Flossenbürg durch amerikanische Soldaten. Hier im Colosseum, einem der vielen Außenlager des KZ Flossenbürg, war der 23. April 1945 jedoch die Steigerung eines Albtraums.
Die KZ-Häftlinge, die hier in Regensburg gerade so überlebt hatten, wurden von den SS-Wachtruppen auf einen tödlichen Marsch in Richtung Oberbayern geschickt.

Wir sind heute hier, um am Ort des einstigen Geschehens um Menschen zu trauern, die dem brutalen Regime der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind. Darunter sind jüdische Bürger aus Regensburg, die in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis umgekommen sind.

Unter den Opfern sind auch Menschen, die nicht schweigend im großen, trägen Strom mitgeschwommen sind – diese Menschen haben aufbegehrt und Widerstand geleistet gegen den unmenschlichen Wahnsinn, und sie haben teuer dafür bezahlt.

Auch in unserer Stadt haben die Nazis ein System der Unterdrückung, der Überwachung und der mörderischen Gewalt installiert. Auch in unserer Stadt hat es viele Opfer dieses Systems gegeben. Heute gehen wir zu den Orten, an denen es passiert ist.

Auf unserem Gedenkweg machen wir Halt am Dom – dort werden Bischof Dr. Rudolf Voderholzer und Regionalbischof Dr. Hans-Martin Weiß zu Ehren des Dompredigers Dr. Johann Meier sowie von Michael Lottner und Josef Zirkl sprechen, die sich im Zusammenhang mit einer Demonstration am 23. April 1945 mutig gegen die Nationalsozialisten gestellt haben und dafür mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Erinnert wird am Dom auch an den Luftschutzpolizisten Johann Igl der wegen einer kritischen Äußerung über Hitler wenige Tage vor Kriegsende hingerichtet wurde.

Auf dem Neupfarrplatz erinnern wir an die Toten der „Neupfarrplatzgruppe“: Mehrere Mitglieder wurden ermordet, weil sie sich öffentlich gegen die NS-Machthaber und gegen den Krieg gestellt hatten.

Beim Haus der Jüdischen Gemeinde gedenkt Rabbiner Josef Chaim Bloch gemeinsam mit uns der jüdischen Regensburger Bürgerinnen und Bürger, die unter den Nazis verfolgt und ermordet wurden.

Am Minoritenweg besuchen wir die Gedenktafel für Wolfgang Waller, der als engagierter Christ und Bibelforscher den Kriegsdienst verweigerte und sich dem NS-Regime widersetzte. Diese Station gestalten die Zeugen Jehovas – sprechen wird zu uns Peter Lorenz-Uttenhofer.

Am Ende unseres Gedenkwegs, auf dem Dachauplatz, erinnern wir an die vielen Menschen, die dort vor genau 70 Jahren für eine kampflose Übergabe unserer Stadt demonstriert haben.

Wir erinnern an die in Regensburg zum Tode Verurteilten und an alle Opfer von Nationalsozialismus und Faschismus.

Diese Station gestalten Luise Gutmann von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, und Hugo Höllenreiner, ein Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich danke Ihnen dafür, dass Sie zu diesem ersten gemeinsamen Regensburger Gedenkweg gekommen sind.

Ich möchte nun gerne das Wort weitergeben an Dr. Hans Simon-Pelanda, den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg, und an einen Überlebenden des Colosseums – Zbigniew Kołakowski.

Ich danke Ihnen allen sehr herzlich.