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Gedenkveranstaltung zum 9. November 1938

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Rede von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 9. November 1938 am Montag, 9. November 2015, um 18 Uhr am Neupfarrplatz

Anrede,

Liebe Regensburgerinnen und Regensburger,
verehrte Mitglieder der jüdischen Gemeinde unserer Stadt,

Ihnen allen gilt mein besonderer Gruß.

Zur Erinnerung an eine dunkle Stunde in unserer Stadtgeschichte haben wir uns hier am Neupfarrplatz an dieser Begegnungsstätte, wo einst die mittelalterliche Synagoge stand, versammelt. Dani Karavan, der Schöpfer dieser Nachbildung des Grundrisses des jüdischen Gotteshauses, hat bewusst seine Arbeit nicht als bloßes Kunstwerk verstanden. Er schuf in erster Linie einen Treffpunkt der Menschen jeden Alters und jeder Herkunft - zum Verweilen, aber auch zum Nachdenken. Diese geniale Idee hat sich in der Praxis hervorragend bewährt.

Nebenbei gesagt, überall in der Welt, wo Dani Karavan Ausstellungen hat, verweist er auf dieses Bodenrelief in Regensburg. Er bewahrt damit den Ruf der alten Synagoge und der jüdischen Gemeinde als Stätte hoher Gelehrsamkeit und religiöser Toleranz für die Zukunft.

Ohne erhobenen Zeigefinger mahnt uns Karavans Werk, stets ein tolerantes Miteinander zu pflegen. Denn Toleranz hat man nicht als einmal erworbene Haltung, man muss sie sich in jeder Situation, im Umgang mit den Menschen wieder neu erwerben.

Wir erinnern uns an dieser Stelle aber auch, dass es zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit der Toleranz nicht so weit her war. Das jüdische Viertel wurde 1519 geschleift, die Synagoge niedergerissen und die Menschen jüdischen Glaubens vertrieben. Am 9. November 1938 wütete wieder der aufgehetzte und organisierte Pöbel gegen Juden in unserer Stadt. In der Reichspogromnacht wurde die Synagoge an der Schäffnerstraße geplündert, angezündet und die übrig gebliebenen Mauern später abgerissen. Jüdische Familien wurden gedemütigt, ihre Geschäfte und Wohnungen ausgeraubt, die Männer in Haft genommen. Sie mussten am darauffolgenden Tag in einem Schandmarsch durch die Stadt ziehen. Jeder konnte sehen, wie die nationalsozialistischen Machthaber jüdische Mitbürger behandelt haben.

Eigentlich konnte hinterher keiner sagen, er habe nicht gewusst, welches barbarische Ende der staatlich verordnete und leider von zu vielen in der Gesellschaft gebilligte, zumindest geduldete Antisemitismus nehmen wird. Der Weg in die Vernichtungslager war von Anfang an vorgezeichnet. Es begann mit Ausgrenzung, Schikane, Raub und Diskriminierung. Juden wurden alle Bürgerrechte genommen, um sie am Ende in die Konzentrationslager und dort in die Gaskammern schicken zu können. Wo blieb damals der Protest der zivilisierten Welt, wo der Aufschrei der deutschen Kulturnation, wo der entschiedene Einspruch der christlichen Kirchen?

Auch wenn wir es oft nicht wahrhaben wollen und nur allzu gern alles auf Hitler und seine Mordgesellen schieben, hier hat eine ganze Gesellschaft versagt. Sie hat Schuld auf sich geladen. Zumindest hat es eklatant an Verantwortung gefehlt.

Verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger, als wir vor zehn Jahren dieses Erinnerungsmal eingeweiht haben, hat sich niemand vorstellen können, in welcher Situation wir heute hier stehen. Deutschland ist anders geworden. Der Antisemitismus ist unüberhörbar wieder da. Genauer gesagt, er war nie völlig aus unserer Gesellschaft verschwunden. Befeuert durch den Antisemitismus aus einigen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens sowie aus Nordafrika und durch Islamisten, die bereits bei uns sind, erleben wir Hetze und tätliche Angriffe gegen jüdische Mitbürger, gegen deren Einrichtungen und Friedhöfe, als ob es die schrecklichen Erfahrungen der NS-Zeit nicht gegeben hätte. Es gab und gibt Holocaust-Leugner, doch der moderne Antisemitismus kommt heute oft in der Verkleidung der Israel-Kritik daher. Keine Frage, es gibt kein Denkverbot gegenüber israelischer Politik. Kritische Auseinandersetzung mit ihr ist eine Selbstverständlichkeit, in den Medien, in der Gesellschaft. Doch um eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem schmerzhaften Nahost-Konflikt geht es den Hetzern gar nicht. Sie nutzen die Aufmerksamkeit für dieses Problem, um die alten Verleumdungen gegen Juden wieder hervorholen zu können.

Meine Damen und Herren,
ich gehöre nicht zu denen, die Katastrophen-Ängste heraufbeschwören wollen. Demokratie ist in unserem Land, in unserer Stadt Gott sei Dank stark genug, um einen Rückfall in die braune Barbarei zu verhindern. Jedoch besteht Anlass zur ernsten Sorge, dass unsere Gesellschaft in Teilen nach rechts rückt. Der Zulauf zu Pegida zeigt ja, dass man mit Fremdenfeindlichkeit, mit unverhohlenen Hassparolen und der Anspielung auf eine mögliche Wiedereinführung von Konzentrationslagern Menschen zu Tausenden auf die Straße bringen kann. Die Brandstifter sind unter uns. Zu viele Bürgerinnen und Bürger laufen ihnen hinterher und applaudieren ihren Hassgesängen. Wir dürfen uns auch nichts vormachen. Deutschland wird in Folge der Zuwanderung von Flüchtlingen mit arabisch-muslimischem Hintergrund ein anderes, wenn auch nicht völlig neues Gesicht bekommen.

Ja, wir wollen den Menschen helfen, die verzweifelt und traumatisiert aus Kriegs- und Krisengebieten zu uns kommen.
Ja, es gilt das Grundrecht auf Asyl. Wir wollen es nicht aushöhlen. 

Das Asylrecht haben wir ja vor allem deshalb in den Verfassungsrang erhoben, weil wir Lehren aus den Jahren des Nazi-Terrors gezogen haben. Vielen jüdischen Flüchtlingen, vielen Nazi-Gegnern hätte geholfen werden können, wenn ihnen alle europäischen und überseeischen Länder problemlos Schutz gewährt hätten, wie es übrigens unser östlicher Nachbar, die damalige Tschechoslowakei, in vorbildlicher Weise getan hat. Dafür wurde sie auch als erstes europäisches Land in das nationalsozialistische Herrschaftssystem gezwungen, wenn man einmal von Österreich absieht.

Meine Damen und Herren,
Wer als Asylsuchender und möglicherweise später als Einwanderer in unsere Gesellschaft kommt, muss vorbehaltslos unsere Werte anerkennen. Die sind im Grundgesetz festgelegt. Mitgebrachte religiöse Traditionen und Gebote stehen nicht über unserem Wertekanon. Nur wer sich zur Toleranz gegenüber Andersgläubigen und anderen Lebensentwürfen bekennt, der kann bei uns seinen Platz finden. Die Freiheit und die Sicherheit, die Zuwanderer bei uns suchen, müssen sie den anderen gesellschaftlichen Gruppierungen, die sie hier vorfinden, im vollen Umfang zugestehen. Ethnische Konflikte ihrer Herkunftsländer, der offen geäußerte Antisemitismus dort, dürfen bei uns keine Fortsetzung finden. Es gilt der Grundsatz: Freiheit ist stets die Freiheit der Andersdenkenden. Dazu bedürfen wir freilich auch einer gemeinsamen Basis. Diese ist in unserem Grundgesetz mit allen Rechten, aber auch mit daraus erwachsenden Pflichten kodifiziert. Dazu müssen wir uns ohne Ausnahme bekennen, ob wir Christen, Juden, Muslime oder Atheisten sind.

Verehrte Regensburgerinnen und Regensburger,
vielleicht fragen sich nun einige von Ihnen, warum ich an einem Gedenktag an ein Ereignis vor mehr als sieben Jahrzehnten unsere momentane Situation und die Probleme, die wir aktuell haben, in den Vordergrund meiner Überlegungen stelle?
Gehört diese Gedenkstunde nicht den Opfern des 9. November 1938 und denen, die in den Todesmühlen der Vernichtungslager umgekommen sind?
Ich antworte: Natürlich sind unsere Gedanken heute bei den jüdischen Menschen, die zwischen 1933 und 1945 unter dem Nazi-Terror zu leiden hatten, die in den Konzentrationslagern ermordet worden sind. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie lassen wir den Opfern Gerechtigkeit wiederfahren? Die alljährliche Erinnerung an sie ist richtig und wichtig.

Es war ja die Absicht der Nazis, Juden aus der deutschen, ja der europäischen Gesellschaft zu vertilgen und die Spuren ihrer Existenz vollständig zu eliminieren. Sie haben ihren Opfern alles genommen: Eigentum, berufliche Existenzgrundlage, ihre Menschenwürde und zuletzt auch das nackte Leben. Die Würde, deren man die Opfer damals beraubt hat, müssen wir ihnen heute durch Erinnern zurückgeben. Das ist das Mindeste, was wir tun können. Das ist ja auch Sinn der Gedenkstunden, wie wir sie alljährlich begehen.

Am ehrlichsten und nachhaltigsten fällt die Ehrung der Todesopfer aber aus, wenn wir uns ernsthaft darum bemühen, aus der Katastrophe einer Barbarei ohnegleichen Schlüsse für unser Verhalten in Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Indem wir uns entschieden gegen den neuen Antisemitismus, gegen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz stellen, bekunden wir den Gequälten und Ermordeten von damals am wirksamsten Respekt.

Wehret den Anfängen!
Dieser Appell war nie eine wohlfeile Gedenkstunden-Floskel. Der Aufruf ist es heute trotz oftmaliger Wiederholung umso weniger. Ihn zu befolgen, ist Pflicht aller Demokratinnen und Demokraten. Es ist ein altes Phänomen, das wir auch in der Weimarer Republik, im Vorfeld der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs beobachten konnten. Der Barbarei des Handelns geht eine Verrohung der Gesinnung und der Auseinandersetzung voraus. Wer nicht der eigenen Meinung ist, wird zum Feind erklärt. Es wird unverhohlen dazu aufgerufen, den Andersdenkenden zu vernichten. Diese Entwicklung müssen wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln stoppen.

Zivilcourage und Mitgefühl für Menschen in Not, wie sie in den letzten Wochen von vielen durch tätigen Einsatz gezeigt worden sind, das sind die Einstellungen, die uns voranbringen. Brennende Asylbewerberheime, gebrüllte antisemitische Parolen, Hassreden und Schmierereien sind das hässliche Gesicht unseres Landes. Es bringt uns zurück in eine Vergangenheit, die wir überwunden glaubten. Deshalb müssen sich alle angesprochen fühlen, im besonderen Maß aber die jungen Menschen unter uns. Deutschland ist unser Land. Regensburg ist unsere Stadt. Wir werden sie nie mehr den Antidemokraten und Antisemiten, den Hasspredigern radikaler Ideologien jeglicher Zielsetzung überlassen.

Auch der Nationalsozialismus ist ja nicht wie eine Naturkatastrophe über die Menschen gekommen. Dafür gab es historische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ursachen. In erster Linie aber hat ein Umstand den Nazis den Weg bereitet: Es gab zu wenige Demokraten, statt dessen viel zu viele Menschen, die weggesehen haben, die gleichgültig waren.

Pastor Martin Niemöller hat es in seinem Schuldeingeständnis nach 1945 so ausgedrückt:
"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

Nicht schweigen, sondern protestieren gegen Antisemitismus und Fremdenhass: Das ist das Vermächtnis der Opfer des Nationalsozialismus. Wir müssen dieses Erbe in die Tat umsetzen. Wir müssen in unserem Handeln, in unseren Einstellungen Zeugnis dafür ablegen, dass wir uns eine lebenswerte Heimat für alle Menschen erhalten wollen, die sich zu unserem Verständnis von Freiheit und Demokratie bekennen. Das sind wir den Opfern des Nationalsozialismus schuldig.

Lassen Sie mich mit einer Vision enden. Nein, es ist eine Gewissheit, an die ich mit Ihnen allen zusammen glaube:
Wir werden einmal eine Stadt haben, in der die jüdische Gemeinde ihren Gottesdienst in einem eigenen jüdischen Gemeindezentrum ohne Polizeischutz abhalten kann. Wir werden eine gesicherte Stadtgesellschaft der Toleranz haben, in der jeder ohne Ansehen seiner Herkunft seinen Traum von Freiheit in Verantwortung für die ganze Gesellschaft leben kann.

Es liegt an uns allen, dass dieser Tag nicht mehr allzu fern ist.