Navigation und Service

Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am Montag, 27. Januar 2014, um 19.30 Uhr in der Emmeramskirche

Anrede,

Mit jedem neuen Jahr, das zwischen unserem heutigen aufgeklärten, modernen Leben und der dunkelsten Zeit in der Geschichte unseres Landes liegt, wächst still und bedrohlich eine Gefahr heran: Dass eines Tages vieles „nur“ Geschichte sein wird, was einst geschehen ist. Geschichte ist nicht mehr Gegenwart, und alles was nicht gegenwärtig ist, läuft Gefahr, vergessen zu werden.

Dieser Vorgang betrifft nicht das große, unauslöschbare Gedächtnis der Welt, das aus einer riesigen Fülle wissenschaftlicher, journalistischer und künstlerischer Arbeiten besteht, die bis ans Ende der Zeit vom unfassbaren Grauen des Holocaust berichten.

Das Vergessen, das zu befürchten ist, bedeutet auch nicht höchst absichtsvolles Verdrängen, sondern hat mit der angeborenen Neigung des Menschen zu tun, aus seiner Erinnerung das Unangenehme, das Belastende und das Verstörende auszublenden.

Wie hält es jeder einzelne von uns damit? Wollen wir uns wirklich dem Unfassbaren aus längst vergangener Zeit stellen? Glauben wir nicht, dass uns der Holocaust, ganz persönlich, nichts mehr angeht? Berührt er uns noch? Wollen wir uns bewusst an ihn erinnern? Oder ist er uns - wegen des unmenschlichen Grauens, das mit ihm verbunden ist - zur Last geworden?

Dabei wäre Vergessen heute durchaus nachvollziehbar. Wir leben weitab von der Gefahr, dass durch rechtsradikales Gedankengut der Bestand unserer Demokratie und unserer staatlichen Ordnung zu gefährden wäre. Aber vergessen wir nicht: es gibt auch andere Aspekte.

Seit dem 6. Mai 2013 wird vor dem Oberlandesgericht München ein Fall verhandelt, der uns allen drastisch vor Augen führt, wie sehr die aus rechtsradikaler Ideologie motivierte Vernichtung von unschuldigem Leben nicht nur zu unserer deutschen Vergangenheit, sondern auch wieder zu unserer Gegenwart gehört.

Nach allem, was wir mittlerweile über den Nationalsozialistischen Untergrund wissen, haben zwei seiner Mitglieder jahrelang unerkannt und unbehelligt Menschen gezielt und kaltblütig ermordet.

Das Motiv für diese Morde war im Prinzip das gleiche, das die Nationalsozialisten in die Welt gesetzt haben. Dieses Motiv kommt von der Ideologie einer selbsternannten Herrenrasse, die sich in äußerster Gottlosigkeit, Arroganz und Ignoranz über alle anderen erhebt.

Daraus entsprang ein irrationaler Hass gegen andere Kulturen, andere Sprachen und Gebräuche, gegen das andere Aussehen – und gegen die andere Religion. Und schließlich wurde aus Hass Unmenschlichkeit und menschenverachtende Gewalt.

Rechtsextremistisch und nationalistisch geprägte Ideologie und Gewalt gibt es bis heute.

Pro Jahr zählen die deutschen Sicherheitsbehörden Tausende politisch rechtsextrem motivierte Straftaten, davon rund 800 Gewaltdelikte.

Die zutiefst erschreckenden Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds sind also nur die Spitze eines Eisbergs.

Der Ungeist rechtsextremistischer Überheblichkeit ist nicht Geschichte, er lebt weiter, und er ist noch immer mitten unter uns.

So gelten leider bis heute die Schlussworte des Epilogs in dem vor 73 Jahren entstandenen Brecht-Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Da heißt es: „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“

Der Schoß – das ist schon lange nicht mehr nur ein - Gottlob sehr geringer - Teil der deutschen Gesellschaft: Rechtsradikale und rechtsextreme Ausbrüche erleben wir derzeit in einer Reihe von Staaten unseres Kontinents, insbesondere in Osteuropa.

Der schreckliche Geist rechtsextremen Gedankenguts ist also nicht allein ein deutsches Phänomen.

Er treibt sein Unwesen auch in unseren Nachbarländern - gerade so, als hätten die Menschen wirklich vergessen, was das schreckliche Wüten dieser Ideologie einst über ganz Europa gebracht hat: Tiefsten Schmerz und Trauer, Grauen und millionenfachen Tod.

Und deswegen wollen – nein: müssen wir immer und immer wieder daran erinnern, woher alles kam und wohin es führte.

Dabei müssen wir nur in die Geschichte unserer eigenen Stadt blicken. Unter anderem in Siegfried Wittmers Buch über die Geschichte der Regensburger Juden ist hervorragend dokumentiert, wie sich auch hier das Nazitum festsetzte, wie es immer mehr Gefolgsleute fand, die sich einer besinnungslosen nationalistischen Trunkenheit hingaben, und wie sich Selbstherrlichkeit und Hass schließlich über den Regensburger Juden entladen haben.

Nachdem die Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme die Ächtung und Erniedrigung der jüdischen Bevölkerung immer mehr verstärkt hatten, begann im November 1941 die konkrete Vorbereitung der großen Mordmaschinerie: Damals kündigte der Reichs-Finanzminister an, dass alle Juden, die nicht in wichtigen Betrieben beschäftigt waren, in absehbarer Zeit in die eroberten Ostgebiete abgeschoben werden sollten.

Auschwitz – das ist das Synonym für alle Endstationen dieser sogenannten Abschiebung.

Mit einer an Zynismus nicht zu überbietenden Gründlichkeit hatten die Nazis alles bis ins Kleinste geplant und sogar rechtlich geregelt: Den Entzug der Staatsbürgerschaft, die Einziehung jüdischen Vermögens, die Hausdurchsuchungen, die Deportationen – und schließlich den Massenmord.

Schritt für Schritt wurde den Juden auch in Regensburg das Leben unerträglich gemacht: Im Sommer 1942 wurde verfügt, dass sie nur noch das Nötigste zu essen bekommen sollten. An ihrer Kleidung und ihren Wohnungstüren mussten sie den Judenstern anbringen. Und schließlich begann die Gestapo in einer Geheimaktion damit, die Verschleppung der Regensburger Juden vorzubereiten.

Sie hatten genaue Anweisung erhalten, dass sie außer wenigen Habseligkeiten nichts mitnehmen durften. Alles andere, das sie besaßen, musste zurückbleiben. Manche von ihnen ahnten, was mit ihnen geschehen würde.

Und die allermeisten der sogenannten arischen Regensburger waren viel zu sehr mit dem Krieg im Osten beschäftigt, als dass sie sich dafür interessierten, was mit ihren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern geschah.

In den Zeitungen stand zunächst kein Wort von den Deportationen.

Später aber wurde offen über die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ berichtet. Und wer wollte, konnte die Zeichen des Massenmordes doch zumindest erahnen.

Wegen des eklatanten Mangels an Arbeitskräften wurden Kriegsgefangene und auch Juden aus Osteuropa als Arbeitssklaven in die Oberpfalz gebracht. Sie waren dem Konzentrationslager in Flossenbürg zugeordnet, das im Jahr 1945 insgesamt 92 Außenkommandos besaß - eines davon war im Colosseum in Stadtamhof.

Ausgemergelte KZ-Häftlinge in ihren schwarz-weiß Anzügen wurden durch die Stadt getrieben. Das Elend war nun für jeden mit Händen zu greifen. Manche Regensburgerinnen und Regensburger steckten den Hungernden heimlich Brot zu.

Der Holocaust war auch in Regensburg angekommen.

Am Ende war die Regensburger jüdische Gemeinde nahezu vollständig ausgelöscht: 244 jüdische Männer, Frauen und Kinder, die aus Regensburg stammten, waren von den Nazis deportiert worden. Die meisten von ihnen kamen zu Tode – erschossen auf der Fahrt Richtung Osten, verhungert in einem Lager, umgekommen in einer Gaskammer. Nur 16 der Deportierten überlebten.

440 jüdische Einwohner waren vor Beginn der Deportationen aus Regensburg, aus Deutschland geflohen – nicht allen von ihnen glückte die Flucht vor den Nationalsozialisten.

Die Synagoge war zerstört.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, im Jahr 2005 haben die Vereinten Nationen den 27. Januar, den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, offiziell zum Internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt.

Auschwitz war das größte NS-Vernichtungslager. Es steht symbolhaft für den Völkermord und für die Millionen von Menschen, die durch das Nazi-Regime entrechtet, verfolgt, gequält oder ermordet wurden.

Es steht für den Verlust jeglicher Menschlichkeit. Es steht für den Abgrund, der sich auftut, wenn Mitmenschlichkeit, Mitfühlen und Toleranz keinen Platz mehr unter uns haben.

Es steht, ich zitiere aus der Bayerischen Verfassung, für das Trümmerfeld, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung, ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat. Ende des Zitats.

Daran erinnern wir heute. Jeder einzelne von uns hat es in der Hand, dass sich die unsagbaren Gräuel, vor denen wir fassungslos und ohne Begreifen stehen, nicht wiederholen.

Die Erinnerung an die unbeschreibbaren Verbrechen ist nicht leicht. Sie zwingt uns dazu, unsere Neigung zu überwinden, all das, was uns belastet, auszublenden.

Die Erinnerung macht uns aber auch stark. Sie gibt uns die Kraft, um uns gegen jede menschenverachtende, von Hass erfüllte Ideologie zu wehren – insbesondere in unserem Land.

Wir verneigen uns vor den Opfern und rufen uns die Worte in Erinnerung, mit denen Papst Benedikt der XVI. am Holocaust-Gedenktag vor einem Jahr der Opfer des Massenmordes gedacht hat.

Er sagte: „Die Erinnerung an diese Tragödie, die vor allem das jüdische Volk getroffen hat, muss für jeden eine ständige Warnung sein, dass dieser Horror der Vergangenheit nie wieder geschehen darf.“

Wir verneigen uns vor den Opfern des Holocaust und ihren Angehörigen und Hinterbliebenen.

Wir verneigen uns auch vor den Aufrechten, die überall in Deutschland – auch in unserer Stadt – gegen das unmenschliche Regime der Nazis aufgestanden sind und dabei Gesundheit oder Leben eingebüßt haben.

Ich hoffe sehr, dass die schrecklichen Untaten wie auch die Schicksale der Opfer für immer in unser aller Bewusstsein wachgehalten werden.

Und das nicht, weil es Gedenktage wie diesen gibt – sondern weil wir es den Opfern und uns selber schuldig sind.