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Internationaler Holocaust-Gedenktag

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger am Internationalen Holocaust-Gedenktag am Sonntag, 29. Januar 2012

Anrede

wir haben uns zum Holocaust-Gedenktag versammelt, um Zeugnis abzulegen.

Wir bekunden und machen in aller Öffentlichkeit deutlich:

  • Erinnern ist die Voraussetzung für die Haltung jedes Einzelnen von uns, aber auch der Gemeinschaft.
  • Unsere Haltung, unser Zeugnis ist gefragt für Toleranz, für ein konstruktives Miteinander der Menschen aller Kulturen, aller Religionen,
  • Unsere Haltung ist Grundlage des inneren und des äußeren Friedens in unserer Stadt, in unserem Land und weltweit.

Der Holocaust-Gedenktag ist allen Opfern des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungswahns gewidmet. Sich der gedemütigten, geschundenen und umgebrachten Menschen zu erinnern, der Juden, der Sinti und Roma, ist unsere menschliche Pflicht. Unser Glaube, das Christentum, das Judentum und der Islam, fordern dieses Gedenken von uns. Denn Mitleid, die Fähigkeit mit zu leiden, ist das Fundament der Humanität.

Wir können das Jahrhundertverbrechen, diesen ungeheuren Zivilisationsbruch der Nazi-Herrschaft über Europa zwar nicht ungeschehen machen. Wir können und müssen aber den Opfern ihre Ehre, ihre Würde als Mitmenschen zurückgeben. Sie müssen einen Platz haben in unserem kollektiven Gedächtnis.

Es wird immer schwer sein, die richtigen Worte zu finden angesichts des systematischen Völkermords. Wer einmal in Auschwitz war, das Tor zum Vernichtungslager Birkenau gesehen hat, die Gleise zu den Selektionsrampen, die Überreste der Gaskammern, der spürt, wie vor diesen Dimensionen der mörderischen Barbarei jede Sprache versagt.

Und dennoch sind wir gerade dadurch aufgefordert, darüber zu reden. Nur wer sich noch empören kann angesichts der Erniedrigung, der Qualen und des Todes unschuldiger Menschen, der wird auch in der Lage sein, dem Vermächtnis der Opfer gerecht zu werden. Dieses Vermächtnis ist vor allem ein Auftrag.

Er lautet:

  • Es darf nie mehr zu einem Holocaust kommen.
  • Wir müssen allen Anfängen wehren.
  • Wir müssen eintreten gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit jeder Art.
  • Wir müssen uns den Kräften entgegenstellen, die Demokratie und Rechtsstaat missbrauchen und letztendlich zerstören wollen.

Derlei Bekenntnisse dürfen keine nur hehren, aber letztendlich tatenlosen und damit leeren Worte bleiben. Denn der Ungeist von damals gebiert immer noch Verbrechen von heute. Die Morde der Neonazi-Terrorzelle aus Zwickau zeigen es. Nur weil es ein unterstützendes Umfeld von Feinden unserer demokratischen, pluralistischen, toleranten Gesellschaft gegeben hat – und wohl auch immer noch gibt – waren die Verbrechen erst möglich, konnten die Täter so lange unentdeckt ihre rassistischen Mordphantasien in die Tat umsetzen.

Meine Damen und Herren,
man wirft uns immer wieder vor, dass Gedenktage wie dieser bloße Rituale seien, dem Kalender und der Political Correctness geschuldet. Man solle endlich Schluss machen mit dem Wühlen in der Vergangenheit, wird uns gesagt. Was können die Menschen heute in Deutschland dafür, dass die Naziverbrechen von deutschem Boden ausgegangen seien? Ein Zuviel des Mahnens und Erinnerns führe nur zur Abstumpfung, zu Abwehrreaktionen gar.

Es ist richtig, dass wir die Formen unseres öffentlichen Erinnerns stets überdenken müssen. Pflichtschuldige Routine, sinnentleerte Rituale bewirken das Gegenteil dessen, was sie bewirken sollen. Sich deshalb aber gleich dem Vergessen hinzugeben, das kann nicht die Schlussfolgerung aus stellenweise berechtigter Kritik sein.

Was dabei auffällt: Allzu viele, die für das Vergessen plädieren, sind erstaunlich nahe bei denen, die den Holocaust relativieren und die Allerweltsentschuldigung parat haben: Seht her, die anderen sind auch nicht besser als wir.

Geschichtsbewusstsein – nichts anderes ist ja das Erinnern auch an die dunklen Seiten unserer Vergangenheit – ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur. Und die manifestiert sich nun einmal auch in Ritualen, in Handlungen und Zeichen. Sie sind nicht nur Ausweis unserer Haltung, unserer Gesinnung. Wir geben mit diesem symbolischen Tun unsere Einstellung weiter. Eine humane Gesellschaft ist ja kein Zustand, den man einmal erreicht hat. Sie ist eine permanente Aufgabe, der sich alle Generationen stellen müssen.

Das gilt auch für uns hier in Regensburg. Und ich meine, wir sind dabei auf einem sinnvollen Weg. Wir begehen den internationalen Holocaust-Gedenktag ja nicht hinter verschlossenen Türen. Wir haben uns hier in Stadtamhof versammelt. Am Gedenkstein für die Opfer des KZ-Außenlagers.

Wir erinnern auch daran, wie alles angefangen hat. Mit der Entrechtung der jüdischen Mitbürger, die nach der Reichspogromnacht im November 1938 auf einem Schandmarsch durch die Stadt getrieben wurden, ein Zug der nach dem Willen der Nazis den gedemütigten Menschen zu Spott und Schande gereichen sollte; der aber ein Marsch der Schande für unsere Stadt und so Teil unserer Stadtgeschichte geworden ist.
Wir ziehen nachher zum Platz der Synagoge, die niedergebrannt worden ist. Von dort aus haben die Transporte in die Vernichtungslager für unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ihren Anfang genommen.

Wir erinnern uns an die Frauen und Kinder, die Männer, die alten Menschen und die Kranken, die der Todesmaschinerie überantwortet worden sind. Wir kennen ihre Namen. Wir haben Briefe von ihnen, aus denen wir – bei aller Zensur – erfahren, dass ihnen Schreckliches bevorstand.

Wenn ich von einer Todesmaschinerie spreche, dann heißt das nicht, dass da nur von oben herab ein teuflischer Mechanismus in Gang gesetzt worden sei, ohne Menschen, die durch ihre Beteiligung Schuld auf sich geladen hätten. Im Gegenteil: Da gab es biedere Menschen, Mitbürger auch, die glaubten, ihre Pflicht tun zu müssen – Verwaltungsleute, Polizisten, Eisenbahner, SS-Angehörige. Sie stellten Kadavergehorsam über ihr Gewissen, ihre Pflicht zur Menschlichkeit, über die christlichen Gebote.

Es ist uns bewusst, dass es Schuld und Schuldige auch in unserer Stadt gegeben hat und dass beinahe alle weggesehen haben, die meisten aus Angst, nicht wenige aber aus Gleichgültigkeit oder gar aus antisemitischer Gesinnung. Was gingen einen schon die Juden an? Man hatte mit den eigenen Sorgen genug zu tun. Es war ja Krieg.

Aber auch danach wollte man lange Zeit vom Holocaust nichts wissen. Anfang der Siebzigerjahre fand am Landgericht Regensburg einer der großen NS-Verbrechensprozesse der Bundesrepublik statt. Das öffentliche Interesse war gering. Angeklagt waren Offiziere des SS- und Polizeiregiments Russland Süd der Beihilfe an der Ermordung von
35 000 Juden. Das Einsatzkommando war auch beteiligt an der Tötung von 30 000 Juden in der Babi-Jar-Schlucht bei Kiew. Der Kommandant war ein Regensburger aus gutbürgerlichem Hause.

Die Schuldigen dieses finsteren Kapitels leben nicht mehr. Was haben wir mit deren Schuld zu schaffen? Müssen wir uns gar schuldig fühlen?

Nein, das nicht. Schuld ist nicht vererbbar. Sehr wohl aber Verantwortung. Der müssen wir uns stellen. Indem wir uns erinnern, zeigen wir Bereitschaft, diese Verantwortung anzunehmen. Nur damit sind wir in der Lage, unseren Beitrag zu leisten, nicht erneut in eine Epoche der Unmenschlichkeit zu geraten.

  • Deshalb können wir auf Gedenkstunden wie diese nicht verzichten,
  • den Opfern zur Ehre,
  • uns und künftigen Generationen zur Mahnung und zum Ansporn, für eine freie und tolerante Gesellschaft einzustehen.

Ich bedanke mich bei Ihnen allen, die dafür heute ein Zeichen setzen. Es ist meine feste Überzeugung: Gedenkstunden wie diese sind nicht ohne Wirkung. Sie prägen unsere Gesinnung, die Kultur der Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit in unserer Stadt. Sie machen uns bewusst, was unsere Pflicht ist, wenn wir in Freiheit und Frieden und ohne Diskriminierung und ohne Ausgrenzung einzelner Gesellschaftsgruppen in Regensburg, in Deutschland und in der ganzen Welt leben wollen.