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Juristische Studiengesellschaft Regensburg

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Festaktes zum 25-jährigen Bestehen der Juristischen Studiengesellschaft Regensburg am 3. Mai 2012 um 19 Uhr im Historischen Reichssaal


Sehr verehrter Herr Prof. Dr. Voßkuhle,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Der Kirchenreformator Dr. Martin Luther war ein Mann, der sich geistig weit über seinen theologischen Fachbereich hinaus bewegte. Und so hat er sich auch über die Angehörigen der juris prudentia Gedanken gemacht.

„Ein Jurist, der nicht mehr als ein Jurist ist“, so hat Luther gesagt, „ist ein arm Ding.“

Angesichts der Fülle von Themen, mit denen Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, sich beschäftigen, würde sich Luther ziemlich schwer tun, in der Juristischen Studiengesellschaft Regensburg ein „arm Ding“ zu finden. Ihre Studiengesellschaft beweist, dass sich Juristinnen und Juristen nicht damit zufrieden geben, das Recht anzuwenden. Sie erklären und hinterfragen die Gesetze und deren Auslegung.

Sie beschäftigen sich mit Reformen und beleuchten historische Entwicklungen. Sie haben damit nicht allein das ohnehin schon weite Feld der juris prudentia im Auge. Sie achten auch auf die Auswirkungen von Recht und Gesetz auf die Gesamtgesellschaft. Das erfordert großes Fachwissen und Engagement, Sorgfalt und Fleiß – alles Primärtugenden, die gesellschaftlich ein hohes Ansehen genießen.

Umso verwunderlicher ist es, dass der Berufsstand des Juristen in der Anerkennung durch die Gesellschaft gerade mal im Mittelfeld rangiert. Das Magazin Reader´s Digest fragt die Deutschen jedes Jahr danach, welche Berufe bei ihnen das höchste Ansehen genießen und welche nicht. Heuer landen die Richter, wie bereits im Vorjahr, auf Platz 9, die Rechtsanwälte ebenso unverändert auf Platz 12 von insgesamt 20.

Warum finden Juristen bei Nicht-Juristen so wenig Anerkennung? Die Antwort darauf gibt uns natürlich ein Jurist.

Prof. Dr. Johann Braun vom Lehrstuhl für Zivilprozessrecht, Bürgerliches Recht und Rechtsphilosophie an der Universität Passau hat sich in einer sehr anregenden, selbstironischen Betrachtung mit der Unbeliebtheit seines Berufsstandes auseinandergesetzt. Dabei ist er zu dem Schluss gekommen, dass die Juristen in eine Unbeliebtheitsspirale geraten sind.

Braun nennt dafür fünf Gründe:

  • Rechtliche Belehrung, so konstatiert er, sei demütigend.
  • Die juristische Fachsprache entrechte den Laien
  • Die Struktur von Prozessen hinterlasse zwangsläufig immer Verlierer. Umgelegt auf die Welt der Mediziner, bedeute dies, dass die Juristen vor Gericht gleichsam mit einer Misserfolgsrate von 50 Prozent operieren, meint Braun.
  • Zudem müssten sich Juristen immer gegenseitig beschuldigen. Schließlich wollten sie ja nicht den Verdacht auf sich sitzen lassen, sie hätten aus eigenem Unvermögen einen Vorwurf nicht brillant widerlegen können.
  • Fünftens und letztens kommt Braun zu dem Schluss, dass eine Vielzahl von Juristen – um es mit Nietzsche zu sagen – das „kälteste aller kalten Ungeheur“ vertritt, nämlich den Staat.

Hier drängt sich unweigerlich eine Parallele zum Berufsstand des Politikers auf. Auch er vertritt den Staat oder dessen Untergliederungen – wie etwa die Städte, die Landkreise und Gemeinden.

Hier habe ich nun endlich Trost für alle Juristen bereit. Politiker sind – nach der Umfrage von Reader´s Digest – noch erheblich unbeliebter als Juristen. Sie bilden unter den angesehenen Berufen regelmäßig das Schlusslicht.

Auch wenn es den Beruf des Politikers noch härter trifft, als Sie, die Juristinnen und Juristen, so haben wir doch eine große Gemeinsamkeit: Ohne uns geht es nicht in einer funktionierenden Demokratie. Zu ihr gehört der Parlamentarismus ebenso wie eine funktionierende Rechtsprechung.

Was übrigens die historische Entwicklung der Rechtsprechung angeht, so spielt ein wichtiges Kapitel im Historischen Reichssaal, in dem wir uns befinden. Hier wurde im Jahr 1532 die Constitutio Criminalis Carolina, die Peinliche Hals- und Gerichtsordnung Kaiser Karl V., beschlossen. Sie war das erste Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches und bis zum Jahr 1809 in Kraft.

Und auch ein wichtiger Bestandteil der politischen Entwicklung Deutschlands ist hier, im Reichssaal, zuhause gewesen. Hier tagte von 1663 bis 1806 der Immerwährende Reichstag – ein früher Vorläufer unseres parlamentarischen Systems.

Gleich neben uns sehen Sie ein Sitzmöbel, das bis heute ein geflügeltes Wort ist. Wenn beim Immerwährenden Reichstag die Aktenberge wuchsen und wuchsen und man nicht mehr wusste, wohin damit, dann schob man sie auf die lange Bank.

Aus guten Gründen hat die Stadt Regensburg die lange Bank mir ihrem sprichwörtlichen Zweck schon lange außer Dienst gestellt. Und überhaupt empfiehlt es sich heute weder in der Rechtsprechung noch in der Politik, etwas auf die lange Bank zu schieben.

Und auch ein weiteres Möbel in unserem historischen Rathauskomplex mahnt uns zu einer verantwortungsvollen Arbeitsweise. In unserem Kurfürstenzimmer steht ein ebenfalls zum geflügelten Wort gewordener Tisch, der mit grünem Samt bezogen ist. Heute ist es ebenso unpopulär, etwas auf die lange Bank zu schieben wie etwas am grünen Tisch zu entscheiden.

Leider wurde über fast fünf Jahrhunderte hinweg an anderen sprichwörtlichen grünen Tischen entschieden, die Gründung einer Universität in Regensburg auf die lange Bank zu schieben. Der erste Vorstoß, in unserer Stadt eine Hochschule zu schaffen, geht auf das Jahr 1487 zurück. Dieser Vorstoß blieb ebenso erfolglos wie ein zweiter Versuch im Jahr 1826. Erst 1962 wurde die Universität gegründet, die seither die lange Tradition Regensburgs als Stadt der Wissenschaft äußerst erfolgreich fortsetzt.

Großen Anteil am guten Ruf der Wissenschaften in unserer Stadt hat die Juristische Fakultät, deren außeruniversitäre Verlängerung die Juristische Studiengesellschaft ist. Es ehrt ihre gut 200 Mitglieder, dass sie sich zusätzlich zu ihrer alltäglichen Arbeitsfülle als Richter, Rechtsanwälte, Staatsanwälte Notare und Rechtsprofessoren mit wissenschaftlichen Fragestellungen ihres Berufsstandes auseinandersetzen.

Die Wertschätzung, die der Studiengesellschaft entgegengebracht wird, ist allein schon daran abzulesen, dass immer wieder prominente und höchst anerkannte Juristen auf Einladung der Studiengesellschaft hin den Weg nach Regensburg finden. So freue ich mich ganz besonders, dass nun Prof. Dr. Andreas Voßkuhle bei Ihnen und bei uns in Regensburg zu Gast ist.

Ihnen, Herr Präsident, danke ich insbesondere für Ihren freundlichen Eintrag ins Gästebuch unserer Stadt.

Ich hoffe, dass Sie die Verbundenheit, die Sie der hiesigen Juristischen Studiengesellschaft entgegenbringen, auch auf Regensburg ausdehnen. Und ich hoffe, dass Sie noch genügend Zeit finden, die Schönheit unserer Welterbe-Altstadt und unsere Gastfreundlichkeit zu genießen.

Der Studiengesellschaft wünsche alles Gute zu ihrem 25-jährigen Bestehen und weiterhin viel Erfolg für ihre Arbeit.