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"Großer Zapfenstreich" Verabschiedung der DSO

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger beim „Großen Zapfenstreich“ anlässlich der Verabschiedung der DSO am Donnerstag, 17.06.2010, 21.30 Uhr, am Domplatz in Regensburg

Anrede

Ich begrüße Sie ganz herzlich auf diesem traditionsreichen Platz Regensburgs. Er hat schon bedeutende geschichtliche Ereignisse gesehen; festliche Anlässe für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, die sie mit Freude begangen haben.

Heute ist kein solcher Tag. Die DSO mit ihren Soldatinnen und Soldaten verabschiedet sich von Regensburg. Ich danke Ihnen, Herr General, und in diesen Dank schließe ich besonders auch Herrn General Fritz ein, dass es Ihnen ein Anliegen war, sich von den Bürgerinnen und Bürgern mit einem besonderen militärischen Zeremoniell zu verabschieden. Wir sind dankbar für diese Geste und bewerten sie als eine letzte Bekundung der Verbundenheit der DSO und ihrer Vorgängerdivisionen zu ihrem Standort Regensburg.

Uns fällt dieser Abschied sehr schwer. Ich bin in der letzten Zeit von Kollegen aus ganz Deutschland oft gefragt worden, warum das so ist. Immer wieder klang dabei durch, dass es Regensburg doch gut ginge und wir eine solche Entscheidung gewiss verkraften könnten.

In der Tat: Regensburg hat in den letzten Jahren viele gute Tage erleben dürfen.

  • Europaweit Spitzenplätze in Rankings
  • nach Frankfurt am Main die höchste Arbeitsplatzdichte in Deutschland, das heißt mehr Arbeitsplätze als Einwohner
  • erfreuliche Finanznachrichten sogar in der Krise
  • stetigen Einwohnerzuwachs
  • die Ernennung zum Weltkulturerbe der UNESCO
  • die Ansiedlung bedeutender Unternehmen
  • kurzum: eine prosperierende Stadt.

Heute aber ist ein schlechter Tag für Regensburg.

  • Gerade weil wir die Anwesenheit von Bundeswehrsoldaten in Regensburg nie auf die Frage reduziert haben, ob die Bundeswehr ein Wirtschaftsfaktor sei.
  • Weil wir Sie niemals nur als in Regensburg stationierte Soldaten empfunden haben,
  • weil wir niemals vergessen haben und vergessen werden, dass Sie mit uns über 40 Jahre an der Ostgrenze unseres Verteidigungs- und Wertebündnisses gestanden sind.

Nein – Sie waren nicht nur Soldaten in Regensburg. Sie waren unsere Soldaten und Sie waren bisher Teil der Identität dieser Stadt. Zu dieser Identität gehören eben nicht nur die Altstadt, das Weltkulturerbe, die prosperierende Wirtschaft und unsere Erfolge als Wissenschaftsstadt. Zu dieser Identität haben bisher auch Soldaten in ganz besonderer Weise gehört.

Und dies hat, wie so vieles in Regensburg, mit unserer Geschichte zu tun. „Am Anfang von Regensburg stand das Militär“, so könnte eine Stadtgeschichte beginnen. Die Stadtgründung hatte ihren Ursprung in militärischen Überlegungen. Regensburg als wichtiger Kreuzungspunkt kontinentaler Verkehrsadern wurde vom Philosophen-Kaiser Marc Aurel 179 nach Christus zum Standort eines großen römischen Legionslagers bestimmt. 179 nach Christus gilt damit als Geburtsjahr Regensburgs, was eine in Stein gemeißelte Urkunde aus dieser Zeit auch beweist.

Die bayerischen Stammesherzöge in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends haben militärische, wehrhafte Traditionen weiter geführt. Das Militär zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Regensburgs - kein Wunder bei ihrer geostrategischen Bedeutung und Machtfülle als freie Reichsstadt.

Das fand seine Fortsetzung vor 200 Jahren im Königreich Bayern, auch mit Kasernenneubauten an der Landshuter Straße vor knapp 100 Jahren, die jetzt verlassen werden. Damit verliert die Bezeichnung eines ganzen Stadtteils von Regensburg, - das Kasernenviertel - ihre Grundlage.

Die Bundeswehrtradition, die jetzt zu Ende geht, beginnt am 29.03.1956 mit einer Freiwilligenannahmestelle, der bald darauf die vierte Jägerdivision mit ersten Truppenteilen gefolgt ist, seit 1999 mit dem Kommando des Großverbandes Division Spezielle Operationen. Die letzten 54 Jahre sind - wenn man die Truppenteile und die Kommandostrukturen noch einmal Revue passieren lässt - ein Abbild der Geschichte des geteilten Deutschlands, des Kalten Krieges, des Scheiterns des Kommunismus und des Beitrags der Bundeswehr zum Zusammenwachsen im wiedervereinigten Deutschland. Ein Beitrag, auf den die Bundeswehr zu Recht stolz sein darf.

Die Veränderungen dieser Strukturen sind ein Beleg für den Wandel der Bundeswehr von der Verteidigungsarmee über die Abschreckungsarmee zur Einsatzarmee, mit einer völlig veränderten Aufgabenstellung und mit der Herausforderung an die Gesellschaft, eine verständnisvolle, ja unterstützende Haltung zu dieser Transformation und zu den heutigen Aufgaben zu entwickeln.

Es war einfach und anschaulich für uns in Regensburg zu verstehen, dass „die Vierte“, wie die Division bei den Regensburgern kurz und bündig hieß, wichtig war für die Verteidigung unserer Freiheit. Die Unterstützung stand bei uns nie infrage.

Heute ist es ungleich schwieriger, mit außen-, sicherheits- und verteidigungspolitischen Gründen Überzeugung für die Tatsache zu wecken, dass unser Land und die Freiheit seiner Bürgerinnen und Bürger nicht mehr an unseren Grenzen oder an den Grenzen unseres Bündnisses, sondern mit Einsätzen in vielen globalen Konfliktherden gesichert und verteidigt werden muss. Das macht Ihre Aufgabe, liebe Soldatinnen und Soldaten, nicht einfacher. Ich möchte Ihnen aber noch einmal versichern - und das gilt für die Zeit vor 1990 genauso wie für die letzten 20 Jahre - dass die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und dieser Region mit Verstand, aber noch mehr mit Sympathie und Herz hinter Ihnen stehen und Ihnen für Ihren Dienst dankbar waren und dankbar sind.

Ich denke, das haben Sie in Regensburg auch spüren und erfahren können.

Heute ist ein schlechter Tag für unsere Stadt. Nur notgedrungen und mit Wehmut lassen wir Sie ziehen. Regensburg wird um ein Stück seiner Identität ärmer sein. Sie wissen, dass wir uns dagegen gesträubt haben auf vielfältigste Art und Weise. Beispielsweise wurden sämtliche Mitglieder des Haushalts- und Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages von mir mit den wahren Fakten und Hintergrundinformationen versorgt. Wir haben gekämpft, aber wir hatten keine Unterstützer. Nicht beim Bund. Nicht beim Freistaat Bayern.

Es ist nur noch ein Treppenwitz der Geschichte, dass alle Vorteile, die man für Ihren Wegzug von Regensburg bei und nach dieser Stationierungsentscheidung ins Feld geführt hat, sich mittlerweile als die gravierenden Nachteile, vor allem finanzieller Art, herausstellen.

Von Anfang an haben wir mit belastbaren Zahlen den betriebswirtschaftlichen Unsinn einer Verlagerung der DSO aufgezeigt. Und wir reden hier von Beträgen im hohen zweistelligen Millionenbereich, die von den Steuerzahlern aufzubringen sind. Unsere Zahlen stimmen.

Ich fühle keine Genugtuung darüber, aber niemand darf sich wundern, wenn auf diese Weise das Vertrauen in diesen Staat und seine Entscheidungsträger und Institutionen kräftig erschüttert wird. Die Zeit und die Interessengebundenheit mancher Politiker, und nicht deren Sachorientierung, haben so lange gegen uns gespielt, bis es zu spät war.

Wir finden uns damit ab, akzeptieren aber werden wir es nie. Wir haben den Kampf verloren. Bitte behalten Sie auch in Erinnerung, dass wir um den Verbleib der DSO gekämpft haben. Viele haben uns dabei mit Unterschriften, Ideen, Vorschlägen und Kontakten unterstützt, allen danke ich noch einmal ganz herzlich.

Anrede

Der Zapfenstreich - ursprünglich ein Zeremoniell, das das Ende eines Tages markiert. Für uns heute ein Zeremoniell, das das Ende einer Ära in unserer Stadtgeschichte kennzeichnet. Wir durften in den zurückliegenden 54 Jahren von Ihnen, liebe Soldatinnen und Soldaten, auf vielfältige Weise Zuspruch, Zuwendung und Hilfe erfahren.

Unvergessen sind uns Ihre engagierten und entscheidenden Beiträge zur Bekämpfung von Hochwasserereignissen in Regensburg. Unvergessen sind uns die vielen freundschaftlichen Begegnungen, mit denen Sie sich bewusst als Teil unserer Stadtgesellschaft gezeigt haben. Unvergessen sind die vielen persönlichen Verwurzelungen von Soldaten und Soldatenfamilien in der Regensburger Bevölkerung. Die Erinnerung daran wird in den nächsten Jahren schwächer werden, aber ich hoffe doch, dass dies alles nicht vergessen sein wird.

In ein paar Wochen wird Ihre Ausrüstung verpackt und verladen sein. Der Aufbruch zum neuen Standort, in eine neue Zeit steht unmittelbar bevor. Wir werden Sie vermissen, aber wir möchten Sie mit unseren guten Wünschen begleiten. Natürlich wünschen wir Ihnen, dass Sie sich auch am neuen Standort wohlfühlen werden und dass Sie sich, so wie Sie das in Regensburg gewohnt sein durften, aufgenommen und angenommen fühlen.

Für Ihre Aufgaben überall in der Welt wünsche ich Ihnen alles Gute, Soldatenglück und viel Erfolg. Persönlich wünsche ich jedem von Ihnen, sofern er in Zukunft Pendler sein wird, eine Zeit der möglichst geringen privaten Belastungen und immer unfallfreie Fahrt.

Der Division Spezielle Operationen wünsche ich eine weitere herausragende Entwicklung unter den Großverbänden der Bundeswehr, mit vielen engagierten Soldatinnen und Soldaten, die überzeugt in den Einheiten dieses Verbandes Dienst tun.

Und noch einen Wunsch möchte ich zum Schluss äußern: Behalten Sie uns in guter Erinnerung! Wir werden Sie nicht vergessen!

Adieu und vielleicht auf Wiedersehen. Leben Sie alle wohl!