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70. Geburtstag von Walter Annuß, Bürgermeister a.D

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Bürgermeister Gerhard Weber anlässlich des 70. Geburtstags von Walter Annuß, Bürgermeister a.D., sowie der Aushändigung der Silbernen Bürgermedaille am 21. August 2009, 15 Uhr, Kurfürstenzimmer, Altes Rathaus

Anrede

Die deutsche Lyrikerin Marie Luise Kaschnitz hat einmal gesagt:
"Das Alter ist für mich kein Kerker, sondern ein Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht.“

Wenn ich diese Worte meinen Glückwünschen an Sie, sehr geehrter Herr Annuß, voranstelle, dann nicht deshalb, weil ich davon ausgehe, dass Sie sich in Ihrem neuen Lebensjahrzehnt, das Sie nun antreten, Weitblick erst erwerben müssen, sondern weil ich hoffe, dass Sie sich Ihren Weitblick, den Sie in der Vergangenheit immer bewiesen haben, auch in Zukunft bewahren. Nutzen Sie den Balkon der späten Jahre und lassen Sie andere an Ihrer Weitsicht teilhaben!

Die Fähigkeit, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, gepaart mit fundiertem Wissen, hat stets Ihr politisches Handeln geprägt. Vielleicht war dies ja auch der Motor, der Sie angetrieben hat, sich jahrzehntelang in der Kommunalpolitik zu engagieren.

Dennoch: Wäre ich Theaterregisseur und müsste die Rolle eines bayerischen Bürgermeisters besetzen, dann würde meine Wahl sicherlich nicht auf Sie, sehr geehrter Herr Annuß fallen.
Denn – Sie gestatten mir hoffentlich diese Bemerkung – der Inbegriff eines bayerischen Kommunalpolitikers sind Sie wahrhaftig nie gewesen!

Als gebürtiger Münsteraner und als – ich zitiere die Donaupost vom 25. August 2004 - „akademischer Salon-Sozialist“, war es für Sie kein einfacher Weg hin zum politischen Regensburger Urgestein, als das wir Sie alle heute betrachten.

Dass Sie es dennoch geschafft haben, ist sicherlich Ihrem Willen zu verdanken, stets authentisch zu bleiben und sich nicht verbiegen zu lassen. Ihr politisches Mandat haben Sie immer als Auftrag der Bürgerinnen und Bürger verstanden!

Viele politische Weggenossen haben dies zu spüren bekommen und es nachweislich nicht immer goutiert. Die Regensburgerinnen und Regensburger hingegen waren auf Ihrer Seite und haben Ihr Engagement ausdrücklich gewürdigt. Nachdrücklich dokumentiert wurde das 1996, als Sie vom vorletzten Listenplatz – auf den Sie sich aus Protest hatten aufstellen lassen - allein aufgrund Ihrer Popularität ganz nach vorne gewählt wurden.

Aber lassen Sie mich das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Beginnen wir von vorne:
Im Jahr 1968 kamen Sie, der studierte Slawist und Turkologe, nach Regensburg, wo Sie an der Universität als Lektor für Tschechisch und Russisch tätig waren.

Auch wenn Sie Ihrer akademischen Heimat im Grunde Ihres Herzens nie untreu geworden sind – die Kommunalpolitik übte schon damals eine große Anziehungskraft auf Sie aus. Im gleichen Artikel, den ich bereits zitiert habe, werden Sie deshalb als „Junger Wilder in der SPD“ bezeichnet.

Als Sie im Oktober 1973 in den Regensburger Stadtrat einzogen, war der frische Wind schon bald zu spüren, den Sie als Finanzexperte und haushaltspolitischer Sprecher Ihrer Fraktion mitbrachten. Ihre Debattenreden waren damals von Ihren politischen Gegnern gefürchtet, Ihre finanzpolitische Kompetenz war beeindruckend.

29 Jahre lang haben Sie die Arbeit im Stadtrat nachhaltig geprägt. 1981 wurden Sie stellvertretender Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion, von 1987 bis 1990 hatten Sie das Amt des Fraktionsvorsitzenden inne.

1990 wählte Sie der Regensburger Stadtrat zum zweiten Bürgermeister. Sechs Jahre lang waren Sie in dieser Funktion als Referent für Soziales, für Jugend und Sport zuständig. Jugend und Soziales haben Sie immer als Einheit gesehen. Die Familien und Ihre Erwartungen, Bedürfnisse und oftmals ganz persönlichen Sorgen lagen Ihnen am Herzen. Durch die Teilung des früher sehr großen Jugendamtes in ein Amt für Kommunale Jugendarbeit, ein Amt für Jugend und Familie und ein Amt für Tagesbetreuung von Kindern haben Sie die besondere Bedeutung dieser Arbeit in der Kommune zum Ausdruck gebracht.

Sie haben sich vehement für die Schaffung neuer Kindergärten engagiert. Das Jugendzentrum Arena wurde während Ihrer Amtszeit beschlossen und realisiert.

Auch etliche „sportliche Erfolge“ durften Sie verzeichnen. Beispiele dafür sind die Grundsatzbeschlüsse für die Sanierung und Modernisierung der RT-Halle und für die Eishalle in Weichs.
Unter Ihrer Regie stellte Regensburg den ersten Sportentwicklungsplan auf, der wegweisend Ziele und Maßnahmen für einen Zeitraum von 10 Jahren zusammenfasste.

Über all das hinaus trugen Sie die Verantwortung für die städtischen Tochtergesellschaften und Eigenbetriebe. Dort konnten Sie wirtschaftlichen Sachverstand und Weitblick einbringen.

In die Geschichte der Stadt eingegangen sind Sie aber sicherlich nicht zuletzt durch Ihre Verdienste um die Städtepartnerschaft mit Pilsen, deren 15-jähriges Bestehen wir – gemeinsam mit Ihnen – im vergangenen Jahr feiern konnten. Ich übertreibe nicht, wenn ich Sie als einen der Väter dieser Städtepartnerschaft bezeichne!

Sie haben damals die Verhandlungen mit den Verantwortlichen auf tschechischer Seite geführt; Sie waren maßgeblich an der Ausfertigung des Partnerschaftsvertrages beteiligt. Dass Sie sich mit den Repräsentanten unserer Partnerstadt fließend in deren Heimatsprache unterhalten konnten, trug sicherlich wesentlich zu dem damals aufkeimenden und seither stetig gewachsenen Vertrauensverhältnis zwischen beiden Städten bei.

Wenn es um Überzeugungen ging, haben Sie stets dafür gekämpft. Als die Bewegung „Freie Fahrt für freie Bürger“ heute schier unvorstellbare Auswüchse autogerechter Verkehrspolitik ins Gespräch brachte, haben Sie sich für die Altstadt eingesetzt und mit gekämpft für den Erhalt historischer Substanz und des gewachsenen Gefüges der Stadt.

Politische Querelen haben Sie während Ihrer aktiven Zeit nie gescheut. Vor allem wenn es um die Stadt Regensburg ging, die Ihnen als „Zuagroasten“, um es auf gut Bayrisch auszudrücken, sehr ans Herz gewachsen war, gingen Sie keiner Konfrontation aus dem Wege.

Mit all denen, die sich frühzeitig für Erhalt und Sanierung der Altstadt eingesetzt haben, haben auch Sie, der einstige „rote Rathausrebell“, Anteil daran, dass die Altstadt von Regensburg und Stadtamhof sorgsam bewahrt wurden und daher im Jahr 2006 mit dem UNESCO-Welterbe-Titel geadelt werden konnte.

"Es gibt zwei Wege für den politischen Aufstieg: Entweder man passt sich an oder man legt sich quer“ – Ich meine, diese Worte von Konrad Adenauer, passen perfekt auf Sie, allerdings ganz sicher nicht in punkto Anpassung. Für diejenigen, die damals in den 1970er-Jahren das politische Ruder in dieser Stadt geführt haben, waren Sie bestimmt kein bequemer Bootsmann!

Sie haben es sich aber auch selbst nicht leicht gemacht. Als "eine sehr anstrengende Erfüllung“ haben Sie die sechs Jahre als zweiter Bürgermeister der Stadt einmal bezeichnet. Es war Ihnen nicht gegeben, Ihr Fähnlein in den damals wehenden politischen Wind zu hängen. Ihre Überzeugungen haben Sie nie verraten!
Es ging Ihnen um die Sache, um Ziele, die Sie mit Intellekt und Idealismus konsequent verfolgt haben. Dies ist sicherlich auch der Grund dafür, dass Ihnen der damalige bayerische Innenminister Dr. Günther Beckstein, 1995 die Medaille für besondere Verdienste um die kommunale Selbstverwaltung verliehen hat, eine Auszeichnung, die durchaus nicht inflationär ausgehändigt wird.

Als Ihnen der damalige Regierungspräsident Alfons Metzger die Verdienstmedaille überreichte, wurden Sie in der Presse als ein Politiker beschrieben, "der seine persönliche Form auch nicht in der Dauerturbulenz des Windkanals politischer und wahlkampftaktischer Sachzwänge opportunistisch verändert“.

Dass es Ihnen stets um die Sache ging und nicht um Ihren persönlichen Erfolg, war nicht einfach zu vermitteln. Die Regensburgerinnen und Regensburger erkannten dies sicher eher als manche Ihrer politischen Weggenossen.

"In der Krise beweist sich der Charakter“, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Sie haben bewiesen, dass Sie auch aus Krisen unbeschadet, ja gestärkt, hervorgehen können. Sie haben damals die Konsequenzen gezogen und sich wieder Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit gewidmet. Vielleicht ließen Sie sich ja von den Worten des ersten Bundeskanzlers leiten, dem auch dieser Ausspruch zugeschrieben wird:
"Ich bin wie ich bin. Die einen kennen mich. Die anderen können mich.“

Sehr verehrter Herr Annuß, Ihnen ist gelungen, was nicht vielen Politikern gelingt: Dass Sie im Jahr 2002 der Kommunalpolitik ade gesagt haben, ist nicht auf eine politische Niederlage zurückzuführen. Sie konnten das Rathaus erhobenen Hauptes verlassen – getragen von der Wertschätzung der Bürgerinnen und Bürger.

Und auch wenn Sie das politische Parkett verlassen haben – geleitet durch Ihre Überzeugungen engagieren Sie sich noch immer für unsere Stadt, beispielsweise als zweiter Vorsitzender der Regensburger Altstadtfreunde.

Dass die Menschen, die in Regensburg leben, stolz sein können auf ihre Stadt, dazu haben Sie mit außergewöhnlichem Einsatz beigetragen. Dies hat der Stadtrat der Stadt Regensburg in seiner Sitzung am 25. September 2008 mit der Verleihung seiner Silbernen Bürgermedaille gewürdigt, die ich Ihnen heute aushändigen darf.

Doch ist diese Medaille keineswegs das Geschenk zu Ihrem 70. Geburtstag, sondern eine Auszeichnung, die allein Ihrer erfolgreichen Arbeit für diese Stadt zuzuschreiben ist.

Zu Ihrem Geburtstag darf ich Ihnen ein Bild überreichen, das Sie an diesen Tag erinnern möge. Ich habe gerade von Ihren Verdiensten um die Regensburger Altstadt gesprochen. Das Motiv dieses Stiches stellt den Bezug dazu her. Der Künstler Sillner zeigt Regensburg als Teil des Welterbes. Die Idee dazu kam ihm anlässlich der Aufnahme unserer Stadt in die Welterbeliste der UNESCO.

Sehr geehrter Herr Annuß,
zu Ihrem Geburtstag wünsche ich Ihnen - auch im Namen des Oberbürgermeisters und der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt – von ganzem Herzen Glück, Zufriedenheit und Gesundheit.