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Maiempfang 2007

 

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Maiempfangs am 26. April 2007 um 20.30 Uhr im Historischen Reichssaal



Anrede

„Heimisch in der Welt wird man nur durch Arbeit.
Wer nicht arbeitet, ist heimatlos.“

Diese Worte, meine sehr verehrten Damen und Herren, stammen von dem deutsch-jüdischen Erzähler Berthold Auerbach. Ihren Wahrheitsgehalt offenbaren sie vielleicht erst auf den zweiten Blick.

  • Wer heimatlos ist, dem fehlen Rückhalt und Bezugspunkt.
  • Wer heimatlos ist, fühlt sich in der Gesellschaft, in der er sich bewegt, nicht aufgenommen oder akzeptiert.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Arbeit.

  • Sie ist einer der wichtigsten Faktoren für gesellschaftliche Integration.
  • Sie gibt dem Leben Sinn und Inhalt.

Arbeit bedeutet

  • Anerkennung, Wertschätzung und Bestätigung
  • Strukturierung des Alltags und damit des gesamten Lebens
  • Definition des eigenen Ich
  • Stärkung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein
  • Erhalt der geistigen und körperlichen Flexibilität

Mit anderen Worten – und das will uns auch das erwähnte Zitat von Berthold Auerbach sagen: Arbeit ist weit mehr als notwendige Voraussetzung für materiellen Erwerb zum Erhalt des Lebensstandards.

Wenn wir von Arbeit sprechen, sind materielle und ideelle Werte miteinander verbunden wie in kaum einem anderen Bereich.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wollen Menschen unserer Gesellschaft arbeiten. Dass jedoch nicht alle, die dies wollen, einen Arbeitsplatz finden, ist noch immer das gesellschaftliche Problem Nummer 1 und seit vielen Jahren eine der ganz großen politischen Herausforderungen. Ein großer Teil der Reformen der letzten Jahre und der aktuell diskutierten Veränderungen hat zum Ziel, bestehende Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen.

Als sich Ende des 19. Jahrhunderts die Arbeiterbewegung gründete gab es ausreichend Arbeit. Arbeit gibt es auch heute – in der Zeit hoher Arbeitslosigkeit.
Ein Widerspruch?
Ja und nein!
Die Situation von damals, auch die der Nachkriegszeit, lässt sich nicht vergleichen mit der heutigen.

Der Kampf um menschenwürdige Arbeitsbedingungen, um akzeptable Arbeitszeiten und um soziale Absicherung ist längst entschieden. Arbeitnehmer haben - auch über ihre Gewerkschaften - viel erreicht.

Heute geht es um etwas anderes: Dass es gilt, die Standards zu sichern, steht außer Frage. Doch die Rahmenbedingungen haben sich mittlerweile entscheidend geändert.

  • Wir werden heute deutlich älter als früher. Die Lebenserwartung ist in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen. Wer heute geboren wird, dessen Lebenserwartung ist sogar um 30 Jahre höher als die eines Menschen, der vor 100 Jahren auf die Welt kam.
  • Damit muss die Rente pro Arbeitnehmer im Schnitt weitaus länger gezahlt werden als es füher der Fall war. Auch heute macht sich die stetig steigende Lebenserwartung schon in der Dauer der Rentenzahlungen bemerkbar.
  • Aufgrund längerer Ausbildungszeiten und damit natürlich auch deutlich besserer Ausbildungsmöglichkeiten liegt das heutige Durchschnittsalter für den Einstieg ins Berufsleben nicht mehr bei 16, sondern bei 21 Jahren. Das heißt, dass die Spanne, in der ein Arbeitnehmer Beiträge in die Rentenkasse zahlt, kürzer geworden ist.
  • 1957 gab es noch die 48-Stunden-Woche, heute arbeiten wir im Schnitt 38 bis 40 Stunden pro Woche.
  • Während noch 1960 auf einen Rentner acht Personen im Erwerbsalter kamen, sind es heute nur noch 3,2. Und im Jahr 2030 werden es nicht einmal mehr 2 Erwerbstätige sein, die einen Rentner finanzieren müssen.
  • Die Globalisierung macht es Unternehmen heute leichter denn je, ihre Produktion dorthin zu verlagern, wo die günstigsten Bedingungen vorliegen. Der weltweite Konkurrenzkampf zwingt sie dazu.

Diesen veränderten Rahmenbedingungen müssen wir uns alle stellen. Die Frage drängt sich auf, ob die Menschen, um die es geht, sich im wiederkehrenden Ritual der Tarifverhandlungen und im zähen Kampf um jedes Detail von Tarifen sich wirklich wiederfinden.

Was nützt ein erfolgreicher Tarifabschluss, wenn die Unternehmen, die diese Tarife bezahlen sollen, abwandern? Viele denken noch immer in nationalen Einheiten und ignorieren, dass Deutschlands Wirtschaft eben auch nur ein Rädchen – wenn auch kein unbedeutendes – im großen ineinander greifenden Räderwerk der Weltwirtschaft ist. Wenn dieses Rädchen aber eines bleiben soll, das nicht getrieben wird, sondern selbst antreibt, dann müssen wir nicht im kleinen, sondern im großen Rahmen erfolgreich sein.

Wäre es nicht eine Anstrengung wert, wegzukommen von der Konfrontation
Arbeitgeber – Arbeitnehmer,
und hinzukommen zu einer Verhandlungsstrategie, die gemeinsame Interessen stärker in den Fokus rückt. Schließlich haben beide Seiten letztlich das Ziel, unsere - und damit auch ihre - wirtschaftliche Position zu stärken. Dass dazu von beiden Seiten noch große Schritte aufeinander zu erforderlich sind, steht außer Frage. Das gegenseitige Vertrauen, das die Basis wäre für einen neuen anhaltenden Aufschwung, muss wieder wachsen. Doch ohne diese Vision werden wir die großen Herausforderungen der Zukunft nicht bewältigen können.

Ich gebe zu, dass dieser visionäre Gedanke bisweilen schlichtweg als Utopie erscheinen mag, weil der Gedanke schrankenloser Gewinnmaximierung, weil Managergehälter in unmoralischer Höhe und Übernahmen, bei denen nicht mit offenen Karten gespielt wird, mit Recht das Misstrauen fördern und neue Fronten aufbauen.
Doch wenn wir in einer globalisierten Welt wirtschaftlich noch bestehen wollen, dürfen wir keine Tabuthemen schaffen.

Die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre ist – so ungerecht es die Betroffenen zunächst empfinden mögen – ein Schritt in die richtige Richtung.

Allerdings nur dann, wenn sie gekoppelt wird mit einem Bündel von Maßnahmen, das dazu geeignet ist, unsere Arbeitswelt den veränderten Bedingungen auch anzupassen.

Dazu gehört auch, dass die finanzielle Sicherung des Alters nicht allein von der gesetzlichen Rentenversicherung geschultert werden kann.

Der Bedarf an ungelernten Arbeitskräften ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig zurückgegangen. Er wird auch in Zukunft weiter sinken. Daraus resultiert auch ein höherer Bedarf an spezialisierten und gut ausgebildeten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Weil wir im internationalen Wettbewerb nicht mit billiger Arbeitskraft punkten können, müssen wir uns darauf konzentrieren, unübertreffbare qualitative Leistungen zu bieten. Unsere Stärken müssen innovative Entwicklungen sein.

Wir dürfen aus diesem Grund in dem Bemühen, unsere Jugendlichen besser und qualifizierter auszubilden, nicht nachlassen. Deshalb muss uns eine fundierte Ausbildung der Jugend vordringlichstes Anliegen sein. Sie muss früh beginnen und allen Kindern optimale Ausgangschancen bieten, unabhängig von ihrer ethnischen oder sozialen Herkunft.

Die Statistiken beweisen es: Der Weg von gut ausgebildeten Jugendlichen führt deutlich seltener in die Arbeitslosigkeit.

Meine Damen und Herren,

„Du hast mehr verdient!
Mehr Respekt. Soziale Gerechtigkeit. Gute Arbeit.“ – So lautet das Motto des DGB, unter dem der 1. Mai 2007 steht.

Nur wer Arbeit findet, kann verdienen, kann sich in der Arbeitswelt verdient machen und erhält die Chance zu beweisen, dass er mehr verdient.
Nur wer gut ausgebildet und hoch motiviert ist, findet Arbeit.
Aber noch immer ist es so, dass auch viele der qualifizierten Kräfte vergeblich nach einem Arbeitsplatz suchen.

Dazu gehört auch die Generation 50 plus, die durch spezifische Maßnahmen, wie sie jetzt von der EU initiiert und in Berlin beschlossen wurden, in den Arbeitsmarkt integriert werden soll.

Eine Umfrage im Vorfeld des Personalkongresses MUWIT, bei der 114 Fach- und Führungskräfte aus Personalabteilungen deutscher Groß- und Mittelstandsunternehmen befragt wurden, ergab, dass es in knapp 60 Prozent der befragten Unternehmen noch keine Maßnahmen für ältere Mitarbeiter gibt. Hier besteht also noch dringender Handlungsbedarf!

Doch allmählich wächst  auch wieder das Bewusstsein der Arbeitgeber für den Wert der Erfahrungen älterer Arbeitnehmer. Wenn dieses Bewusstsein zunimmt und gleichermaßen die ältere Generation in ihrem Bemühen nicht nachlässt, mit der rasanten technologischen Entwicklung mitzuhalten, können beide Seiten profitieren.

Doch das ist nur ein Aspekt. Um zu erreichen, dass wir global konkurrenzfähig bleiben, ist in vielen Bereichen ein Umdenken erforderlich.

Ein Umdenken, das bei uns hier in Regensburg schon vor Jahren begonnen und mittlerweile reiche Früchte getragen hat. Nicht umsonst nehmen wir hier hinsichtlich des Arbeitsplatzbesatzes eine Spitzenstellung ein, in der wir nur von Frankfurt am Main übertroffen werden. In Zahlen ausgedrückt, bedeutet dies: auf 100 Einwohner kommen 102 Arbeitsplätze. Damit stellt Regensburg nicht nur für seine eigene Bevölkerung, sondern vor allem auch für das Umland und die ganze ostbayerische Region Arbeitsplätze zur Verfügung.

  • Doch auch wir mussten uns in der Vergangenheit von Unternehmen trennen und auf Arbeitsplätze in Branchen verzichten, die heute in Deutschland keine Zukunft mehr haben. Ich denke an die Textilindustrie. Doch statt dem Verlust dieser Arbeitsplätze nachzutrauern, haben wir nach vorne geschaut und auf neue, zukunftsorientierte Technologien gesetzt.
  • Trotzdem werden wir auch jetzt den Verlust von Arbeitsplätzen in Kauf nehmen müssen. Ich denke an die Einstellung der Produktion bei Toshiba. Um den Erhalt der Zuckerfabrik werden wir uns weiterhin bemühen. Ich verspreche Ihnen, dass Sie mit mir und den Kolleginnen und Kollegen aller Stadtratsfraktionen sowie den Fachleuten der Verwaltung Mitstreiter haben, die sich mit allen unseren Möglichkeiten für den Erhalt der Zuckerfabrik einsetzen werden.
  • Entgegen dem Trend, dass im produzierenden Gewerbe immer mehr Prozesse automatisiert und damit Arbeitsplätze vernichtet wurden, konnten wir sogar in den schwachen 90-er Jahren die Zahl der Beschäftigten in der Produktion weiter steigern.
  • Wir haben rechtzeitig erkannt, dass im Sektor Dienstleistung und Service der Bedarf steigen wird. Qualität ist hier mehr denn je gefragt. Gerade unsere mittelständischen Unternehmen verzeichnen in diesem Sektor beachtenswerte Erfolge.
  • Im Bereich der neuen Technologien wie Sensorik und Biotechnologie sowie in allen Bereichen der IT- und Elektronik-Branche und natürlich - nicht zu vergessen – im sogenannten Automotive-Cluster, der Industrie rund ums Auto, gibt es genügend Chancen für qualifizierte Arbeitskräfte.
  • Die Stadt Regensburg hat auf die geänderten Rahmenbedingungen rechtzeitig reagiert.

Durch gezielte Wirtschafts-förderung haben wir innerhalb der letzten Jahrzehnte unsere Stadt zu einer der dynamischsten Wirtschaftsregionen in Deutschland ausgebaut! Es ist uns gelungen, den Fokus auf neue Neue Technologien und Innovationen zu legen und damit zu einer hochwertigen Produktion mit Entwicklungskompetenz zu kommen. Regensburgs Produktion lebt von einer hohen Wertschöpfung, hohem Fertigungsstandard und hochwertigen Gütern!

  • Wir haben auch nicht auf nur eine Sparte gesetzt und uns davon auf Gedeih und Verderb abhängig gemacht. Das Spektrum der Unternehmen, die sich in Regensburg angesiedelt haben, ist breit gestreut!

Eines sollten wir aber auch nicht vergessen: Etliche Regensburger Unternehmen sind dem Standort auch in schwierigen Zeiten treu geblieben. Sie haben sich nicht vorschnell dem Trend der Verlagerung von Unternehmen ins Ausland angeschlossen. Viele von denen, die vorschnell ihre Produktion ausgelagert haben, kehren heute wieder zurück.
Mein Dank geht hier

  • an die Firmen, die mit Überlegung dem Standort die Treue gehalten haben
  • und zugleich an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die mit überzeugender Qualifikation und Motivation den Firmen ihre Entscheidung für den Standort Regensburg möglich gemacht haben.

Dass Innovation, Wachstum und eine vorbildliche Clusterpolitik Regensburg zu einem der zukunftsfähigsten Standorte innerhalb Deutschlands machen - dies belegt eindrucksvoll der erst kürzlich veröffentlichte Prognos-Zukunftsatlas, der Regensburg unter 439 Städten und Landkreisen in der ganzen Bundesrepublik einen hervorragenden fünften Platz bescheinigt.

Dies ist allerdings kein Geschenk des Himmels, das uns so einfach in den Schoß gefallen ist. Es ist das Ergebnis harter Arbeit, zäher Verhandlungen und gezielter Wirtschaftsförderung, die es gerade den zukunftsorientierten Unternehmen erleichtert, sich hier niederzulassen und neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Es ist aber auch den Anstrengungen zu verdanken, neue Wege für bereits ansässige Unternehmen zu ebnen und Türen aufzustoßen.

Nicht zuletzt sind diese Erfolge aber auch auf eine motivierte, leistungsfähige, kompetente Arbeitnehmerschaft zurückzuführen, die in Regensburg mittlerweile als echter „harter“ Standortfaktor angesehen wird. Deshalb nehme ich die Gelegenheit gerne wahr, mich an dieser Stelle mit ganz besonderem Nachdruck bei Ihnen allen zu bedanken. Bei Ihnen, den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, aber auch bei ihren Vertretungen in den Betriebsräten, die sich mit Augenmaß darum bemühen, die schwierige Balance zu finden, zwischen

  • der Abwägung dessen, was ein Arbeitsnehmer verdient und
  • der legitimen Forderung nach Mehr Respekt. Sozialer Gerechtigkeit. Guter Arbeit.

einerseits

  • und andrerseits der weisen Erkenntnis, dass unnachgiebige Haltung oder ideologische Forderung nicht weiterhelfen.

So tragen Sie dazu bei, dass Regensburg heute eine florierende und weiter aufstrebende Stadt ist!

Damit hat unsere Stadt die Tendenz, die sich jetzt auch in ganz Bayern und im Bundesgebiet abzeichnet, schon vorweggenommen: Nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation und Rezession geht es wieder deutlich aufwärts!

Die Wirtschaft zieht an, es wird Zeit, dass diese Entwicklung durchschlägt auf den Arbeitsmarkt.

Im Vergleich mit anderen bayerischen Städten liegt Regensburg mit einer Arbeitslosenquote von 7,9 Prozent, deutlich vor Nürnberg mit 10,5, Augsburg mit 10,4 oder Fürth mit 10,5 Prozent - das ist der Stand vom März 2007.
Auch wenn man Städte mit einem ähnlich hohen Arbeitsplatzbesatz wie Regensburg zum Vergleich heranzieht - wie beispielsweise Frankfurt mit 9,8 und Wolfsburg mit 9,7 Prozent – dann schneidet unser Standort hervorragend ab.

Im Jahr 1998 habe ich Ihnen anlässlich des Maiempfangs an dieser Stelle gesagt – ich zitiere:

Gefragt sind jetzt Mut und Weitsicht, das richtige Stellen der Weichen für die Zukunft. Treffen wir also jetzt die notwendigen Entscheidungen und setzen sie Schritt für Schritt in angepasstem Tempo um. Gehen wir diesen Weg gemeinsam.“

Wir können heute mit Fug und Recht sagen, dass uns dies gelungen ist. Gemeinsam haben wir einen Weg gefunden, der uns nach vorne gebracht hat. Darauf können wir stolz sein!

Doch wir müssen den Weg in die Zukunft, den wir bisher beschritten haben, mit Entschlossenheit und Mut weitergehen. Wir müssen vorausdenken und vorausplanen.

Für diese Bereitschaft danke ich Ihnen. Sie haben in den vergangenen – für Sie alle sicher nicht einfachen - Jahren gezeigt, dass Sie dazu in der Lage waren. Ich bin mir sicher, dass es uns gemeinsam gelingt, diesen Weg erfolgreich weiter zu gehen.